Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 14.1903

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Das Paradies des Ouariento im Dogenpalaste zu Venedig

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so aus dem plastischen Rahmen emporzuwachsen.
Eine Art Götterbühne, die den ganzen Vorgang hoch
über das Menschenleben emporhebt. Zwischen den
Säulen geht der Blick tief hinab ins Thal, hinten
aber schimmern blaue Himmelsweiten über einem
taghellen Vorgebirge und einem dämmerigen Haine.
Von diesen ruhigen Helligkeiten heben sich die Ge-
stalten ab. Links sitzt der harmlos schauende Knabe
Paris, hinter ihm steht als Rückenakt der Jüngling
Merkur, das rotblonde Haar kurz geschoren, das
Profil den Göttinnen zugewendet. Rechtshin steht
als Mittelfigur Juno, die herrschende Brünette, fast
im Profil gesehen, in blanker Blosse, die Arme mit
einer merkwürdigen Gebärde des selbstsicheren »Da
bin ich« erhoben. Die nächste Gestalt, von vorne
gesehen, vom Schoss ab noch verhüllt, ist Minerva,
die mit beiden Händen beiderseits ihr wallendes Blond-
haar emporhebt. Die letzte Figur ist Venus, eine
schwarzhaarige Profilgestalt in dunkelweinrotem Ge-
wände, das sie über der Brust zusammenfasst, so dass
das gespannte Gewebe der ganzen Rückenlinie ihrer
Silhouette in pikantem Faltengezack folgt. Ein dichter
Blumenstrauss, den sie zugleich vor ihrer Brust hält,
'setzt dieser Erscheinung einen freudigen Accent auf.
In alledem ist, wie man wohl behaupten darf, keine
Linie Überkommenes, jede leise Schwebung und Bie-
gung der Form ist klingerisch. Auch die Fleisch-
farbe aus einer frühen Freiluftzeit, wo man sich noch
über »l'heure bleue« entsetzte, ist in ihren Mattig-
keiten und Zerstreutheiten noch nicht das Virtuosen-
stück späterer Reflexmaler und Lichtzersetzer, sondern
hat noch den entschlossenen Willen des Malers, sein
parti pris in sich, mit dem Gewesenen zu brechen,
ohne noch recht zu wissen, was sich ihm Neues
bieten wird. Aber sein Instinkt trifft das Richtige, er
gelangt zu Fleischtönen, die etwas anderes« sind
und das Auge als solches reizen. Nicht zu optischen
Analysen des Wirklichkeitstones, sondern zu Stilisie-
rungen desselben, von einem besonderen Valeur-
Zauber, über den man sich nicht klar wird, der aber
die Erscheinung veredelt, in ihrem Werte erhöht.
Es ist etwas wie der Übergang von getönter Plastik
zu malerischem Phänomen. Man wird dessen deut-
lich inne, wenn man den Blick auf das linke Flügel-
bild lenkt, wo Klinger, vielleicht unbewusst, eine
weibliche Büste auf buntem Marmorsockel dargestellt
hat, mit tonig mattem Marmorteint, schwarzem Haar
und blutrot gefärbtem Büstenabschnitt. (Das Gegen-
stück rechts ist Jüngling Amor mit mächtigen weissen
Fittichen.) Das ist der Stein, in dem das Blut zu
kreisen beginnt. Das ist der Weg, auf dem die antike
Statue modernes Gemälde wird. Aus dunklem Ge-
fühl heraus schafft der Künstler, er weiss nicht wie,
hellen. Tag für neue Menschen. Der untere Teil des
Rahmens ist in stark polychrom iertem Gipsrelief
durchgestaltet, dessen majolikaartige Töne nach oben
in der gemalten Architektur weiterklingen. Die sehr
fleischigen Reliefs fordern zu Deutungen auf, obwohl
ihre symbolische Meinung wohl mehr auf Versinn-
lichung dunkel spielender und kämpfender Triebe
gehen dürfte. An der Ecke rechts balgen sich zwei

echte Geschöpfe der Urnatur. Irgend ein Kraftmensch
der See hat einen Delphin gepackt, presst ihm mit
der einen Hand das Maul zu und führt mit der
anderen Faust einen vernichtenden Schlag gegen
seinen Schädel. Der Leib des Delphins schwingt
sich in prächtiger Kurve, einer lebendigen Arabeske
gleich, oben herum. Die Scene ergänzt sich, von
oben her, im rechten Flügelbilde durch einen ge-
malten Delphin, der sich in die Luft geschnellt hat
und nun in senkrechtem Niedergang zu seinem Ele-
mente zurückkehrt. Sein dunkler Fischleib dient als
starker Gegensatz zur Lichtgestalt Amors und der
Kontrast verstärkt sich noch durch ein schlangen-
haariges dunkles Medusenhaupt, das mit goldener
Kette an dem Schwanz des Delphins befestigt zu sein
scheint. Das ist so ein bizarres Capriccio aus dem
wunderreichen Meerleben mythologischer Zeiten, wie
der Künstler es sich gern entschlüpfen lässt. Der neueste
Biograph Klinger's, Lothar Brieger-Wasservogel, sieht
und erklärt in seinem Buche die Scene ganz anders.
Nach ihm kämpfe ein mächtiger Greis mit der Hydra
der Zwietracht und zerschmettere ein Haupt der viel-
köpfigen, die aber einen zweiten (nur gemalten) Hals,
mit einem Medusenhaupte, unversehrt in die Lüfte
erhebt. Mit dem Augenschein will diese ergänzende
Auslegung doch nicht stimmen. Die Mitte des
Rahmensockels bezeichnet ein kolossaler polychromer
Frauenkopf, von vorn gesehen, zwischen zwei er-
hobenen Armen, die eine tiefgebauchte Muschel halten.
Eine blaue Draperie, die halb über die Muschel fällt,
lässt eben noch einen goldenen Apfel (Eris!) erkennen.
Darunter knotet sich verhängnisvoll eine Schlange.
An der Ecke links endlich grinst eine kolossale Satyr-
maske, das Satyrlächeln über die Tragödie der Zwie-
tracht, die sich da oben vorbereitet. Klinger's Paris-
urteil ist, programmatisch und malerisch genommen,
eine That der modernen Kunst. Schade, dass es nicht
; möglich ist, Feuerbach's form- und geistvolles Paris-
urteil aus der Hamburger Kunsthalle daneben zu
sehen. Man würde die Höhe der Klinger'schen Ge-
staltung und den Reichtum seiner Empfindungswelt
erst recht messen können.

DAS PARADIES DES GUARIENTO IM DOGEN-
PALASTE ZU VENEDIG

Bei den augenblicklich im Dogenpalaste in Venedig
vorgenommenen Arbeiten wurde auch die grosse
Holzestrade in der Sala del Gran Consiglio von der
Wand entfernt, und es kamen dabei Spuren eines
alten Freskos zu Tage, das zum grössten Teile von
der riesigen Leinwand Tintoretto's bedeckt wird. Das
Fresko wurde bekanntlich von Guariento im Jahre 1365
gemalt, es blieb bei der zweiten Ausmalung des
Saales durch Gentile da Fabriano und Vittore Pisano
in den zwanziger Jahren des 15. Jahrhunderts unbe-
rührt und wurde erst nach dem Brande 1577 von
dem grossen Gemälde Tintoretto's verdrängt. Es
stellte das Paradies dar, oder genauer die Krönung
Mariä im Beisein vieler Patriarchen, Propheten und
Engel. Sansovino (Ven. 1581, S. 124) erwähnt das
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