Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 14.1903

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Die Neuordnung der Dresdner Porzellansammlung

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Leiden der kunstgewerblichen Menschheit auf sich ge-
nommen: er schnitzt und hobelt, entwirft Muster für Be-
schläge und Stickereien, für Leuchter und Rahmen und
Decken, zeichnet Buchschmuck aller Art und schrickt da-
bei auch nicht vor Kalendern und Oeschäftskarten zurück,
und seine Glasfenster mit der leuchtenden Pracht ihrer
satten Farben, die wie seltene Kristalle aus geheimnis-
vollen unterirdischen Reichen glühen, sind vielleicht das
Beste, was heute von Künstlern bei uns handwerklich ge-
leistet wird.

Lechter hat die Qenugthuung gehabt, seiner ganzen
Kunstwelt einen Tempel bauen zu dürfen. Der verstorbene
Kölner Pallenberg hat ihm einen grossen Festsaal für das
neue Kunstgewerbemuseum seiner Vaterstadt in Auftrag
gegeben. Der Saal war schon im Sommer 1900 auf der
Pariser Weltausstellung aufgebaut und er steht seit einem
Jahre an seinem Bestimmungsort. Aber es fehlte dem
Gebäude bisher der Schlussstein: das grosse dekorative
Gemälde, das die Hauptwand des Saales, den schönen
Fenstern gegenüber, einnehmen soll. Jahre lang hat Lech-
ter daran gearbeitet, jetzt endlich steht es fertig vor uns.
Es ist ein Hoheslied auf die weltenferne, feierlich-archai-
stische Phantasiekunst geworden, der Lechter huldigt, die
litterarisch ihre Parallele in dem Poetenkreise um Stefan
George findet. Und die asketischen Dantezüge Stefan
George's trägt auch der Dichter, der auf diesem grossen
Bilde im Märchenlande der Kunst, da der Himmel pur-
purn erglüht, vor dem Heiligtum des mystischen Quells,
von allen Wonnen durchschauert, den geweihten Trank
aus kristallner Schale knieend schlürft, den ihm die könig-
liche Priesterin mit ihren schlanken Händen reicht. Engel-
gestalten erscheinen, den feierlichen Akt zu verherrlichen.
Hier schwenken sie mit gemessenen Bewegungen dampfende
Weihrauchkessel. Dort schweben sie leise über dem Dichter
durch die Luft; sie sind es, die den Suchenden durch das
Dickicht der dunklen Bäume zu der strahlenden Stätte des
Lichts geleitet haben.

Es ist wichtig, mit dem fertigen Bilde die Schar der
Studienblätter zu vergleichen, die Lechter mit ausgestellt
hat, zu beobachten, wie er vom Boden der Natur langsam
sich emporschwingt in die Sphäre seiner sublimen Kunst-
anschauung. Vor diesem Ernst und dieser Sicherheit der
Arbeit empfindet der Beschauer tiefste Bewunderung. Und
wenn die Kunstwelt Lechter's vielen auch rückgratlos, in
ihrer Feierlichkeit gezwungen, in ihrer angenommenen
Naivetät höchst unnaiv, in ihrer mystischen Askese unge-
sund erscheint, es kann sich niemand von dem Banne des
Zaubers lösen, der von diesem festgefügten Reiche aus-
geht. —

Der Salon Cassirer hat als erste Karte, da die Reihe an
ihn kam, gegen solche hohen Trümpfe einen noch höheren
ausgespielt: den ehrwürdigen alten Herz-König,Jozef /srae/s.
Der holländische Meister hat ein neues grosses Bild voll-
endet, ein Gemälde, das in der Geschichte seiner Werke
einen Platz unmittelbar hinter dem »Trödler« des Amster-
damer Suassomuseums erhalten wird. Man erinnert sich
der Stelle in Israels' kostbarem Buch über seine Reise nach
Spanien, wo er erzählt, wie er auf seinen Wandergängen
durch das Gewinde alter Strassen plötzlich die vertrauten
Laute hebräischer Melodien vernimmt, wie er dem Klange
nachgeht und einen alten Juden findet, der fleissig in eine
Thorarolle schreibt, während er mit halbgeöffneten Lippen
die heiligen Sätze mitsummt. Der Eindruck dieses Erlebnisses
war so stark, dass Israels es nun auch mit dem Pinsel
festhalten wollte. Wie auf dem Trödlerbilde blicken wir
geradeaus auf die Figur des Alten, der hier im schum-
merigen Halbdunkel eines niedrigen Zimmers unter dem
Fenster auf das gerollte Pergament mit grosser Gänsefeder

seine kunstvollen Buchstaben aufmalt. Er ist ganz in sich
versunken, ganz eins mit dem Wort des Herrn, dem er
dient; dem Trödler gegenüber verkörpert er die andere
Seite des Judentums. Israels' herrliche Kunst, die Per-
sonalunion höchster malerischer Kultur und feinster Em-
pfindung, die sich in ihm vollzogen hat, ist selten so gross
und ergreifend zum Ausdruck gekommen, wie in diesem
Alterswerk.

DIE NEUORDNUNG DER DRESDNER
PORZELLANSAMMLUNO

Die Königliche Porzellan- und Gefäss-Sammlung zu
Dresden ist unseres Wissens die einzige selbständige der-
artige Sammlung in Deutschland, im Auslande hat sie nur in
der Sammlung zu Sevres eine Nebenbuhlerin. In ihrer Art ist
die Dresdner Porzellansammlung mit ihren Tausenden
von Prachtstücken ebenso bedeutend wie die Dresdner
Galerie; wenn sie nur im Auslande und bei den wenigen
Porzellansammlern berühmt, in Deutschland aber doch
nur wenig bekannt ist, so liegt das zumeist daran, dass
die Keramik überhaupt in weiteren Kreisen zu wenig ge-
kannt und geschätzt ist. Doch mag auch die wenig er-
freuliche Aufstellung der Sammlung einige Schuld mit
tragen. Dieser Umstand ist jetzt beseitigt. Die Samm-
lung ist zur Umordnung ein halbes Jahr geschlossen ge-
wesen und Assistent Dr. Zimmermann hat sie auf Grund
einer eingehenden wissenschaftlichen Durcharbeitung neu
aufgestellt. Durch diese Neuaufstellung hat die berühmte
Sammlung nach der Seite der Belehrung wie vor allem
nach der der ästhetischen Anregung ganz ausserordentlich
gewonnen. Erst jetzt kann es ein wirklicher Genuss ge-
nannt werden, dem Studium der Sammlung sich eingehen-
der hinzugeben, was vorher in vieler Hinsicht mit den
grössten Schwierigkeiten verknüpft war. Wer nur einiger-
massen Sinn für Farbe und Formen hat, den wird ein
Rausch überkommen ob der Fülle von Schönheiten, die
einem in dieser Sammlung begegnen; man staunt immer
von neuem über den Reichtum an kostbaren und schönen
Gefässen, der hier zusammengebracht ist und jetzt auch
in entsprechender Weise dargeboten wird. Seltenheiten,
von denen andere Sammlungen ein Stück oder ein Paar
aufzuweisen haben, besitzt die Dresdner Porzellansamm-
lung in ganzen Sätzen oder zu Dutzenden und ähnlich,
wie die Dresdner Galerie gerade an Gemälden der Blüte-
zeit italienischer und niederländischer Kunst so reich ist,
beruht die Stärke der Porzellansammlung in ihrer Fülle
auserlesener Prunkstücke, während es zu gleicher Zeit
auch an kunsthistorisch wichtigen und wertvollen Stücken,
die dem Kenner und Historiker imponieren, nicht mangelt.

Die Porzellansammlung umfasst drei Hauptabteilungen:
das chinesische, das japanische und das Meissner Por-
zellan. Bisher war das japanische Porzellan durch die
gesamte europäische Abteilung vom chinesischen getrennt.
Jetzt ist die japanische der chinesischen Abteilung un-
mittelbar angegliedert, so dass jetzt ein Vergleichen der
ostasiatischen Erzeugnisse ermöglicht ist. Dies ist um so
wichtiger, weil man erst in neuerer Zeit chinesisches und
japanisches Porzellan streng zu unterscheiden gelernt hat.
In der Dresdner Sammlung standen noch bis vor etwa
zwei Jahren zahlreiche chinesische Gefässe mitten unter
den japanischen, ohne dass man den anderen Ursprung
ahnte. Dr. E. Zimmermann hat sie erst voneinander ge-
schieden und dann die chinesische Abteilung bis auf die
Abteilung der kobaltblauen Porzellane, die noch in der
alten Aufstellung verharren, neu aufgestellt. Da die
chinesischen Stücke fast sämtlich einem verhältnismässig
kurzen Zeitraum angehören, so war keine historische Auf-
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