Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 14.1903

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Neues aus Venedig — Berliner Brief

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und Marmortreppen malen und sich von einem
anderen Künstler die Figuren und alles übrige hinein-
malen lassen. Die Skulptur ist auf diesen Ausstel-
lungen immer sehr schwach vertreten: von dem Russen
Bernstamm sind einige in die Plastik übertragene
Photographien da, von Geröme ein hausbackener
Tubabläser und von Jacquot mehrere banale weib-
liche Statuetten, die den Beweis ihrer Daseinsberechti-
gung schuldig bleiben.

KARL EUGEN SCHMIDT.

NEUES AUS VENEDIG

Noch immer haben die rings um die Reste des Glocken-
turmes vorgenommenen Bohrversuche nicht erlaubt, die
letzten Reste desselben abzutragen. Diese Versuche haben
auf der Seite der Bibliothek bei drei Meter Tiefe festen
undurchdringlichen Grund ergeben, gegen Norden, sowie
an anderen Stellen bis zu 20 Meter Tiefe, zuerst eine
Sandschicht, dann feste Thonerde von hellgrauer Farbe
zu Tage gebracht. Man will durch diese Versuche fest-
stellen, mit welchen Elementen des Grundes man zu
rechnen hat bei der neuen Fundierung, beziehungsweise
Verstärkung der alten Fundamente des Turmes. Von
der Bestrafung der als schuldig erkannten und abgesetzten
höchsten Baubeamten hat das Ministerium abgesehen.
Der Billigkeit entsprechend hat der Unterrichtsminister
erklärt, dass der Einschnitt in den Turm, welcher dessen
Einsturz mit herbeigeführt habe, nur auf Befehl des Vor-
gesetzten von dem Untergebenen ausgeführt worden sei
und somit dieser nicht den Sündenbock abgeben könne
und kein Grund vorliege, den sonst tüchtigen Mann aus
dem Amte zu entfernen. Mittlerweile hat die Sammlung
für den Wiederaufbau fast l'/s Million erreicht. Höchst
sonderbar erscheint, dass man in Mailand einen Wettbe-
werb ausgeschrieben hat mit grossen Prämien für die
besten Entwürfe zum Wiederaufbau des Campanile. Kein
Mensch hier und noch weniger die Regierung wird sich
um das Resultat dieser Konkurrenz kümmern.

In der Frarikirche ist viel gearbeitet worden. Der
Turm ist ringsum in seinen Fundamenten mit eingetrie-
benen riesigen Pfählen umgeben worden, welche dem
Fortschreiten der Senkung desselben Einhalt thun sollen.
Die ganze erste Arkade links vom Hauptportal bis zum
Canovamonument ist jetzt eingerüstet. Dieser ganze Teil
der Kirche muss abgetragen und neu aufgebaut werden.

In S. Giovanni e Paolo ist nun das grosse Gerüst
fertig, welches das Herabnehmen des grossen gemalten
Fensters ermöglicht. Die betreffende Wand über dem
Seitenportal muss abgetragen und neu errichtet werden.
Man hat in alter Zeit, um Nischen zu schaffen, für die
beiden Altäre (mit den Gemälden des Rocco Marconi
und Lorenzo Lotto) die Mauer, unbegreiflicher Weise,
um zwei Drittel geschwächt. So war die gefährliche
Senkung unausbleiblich. Also auch hier von Senkung
des Untergrundes keine Rede.

Der Zustand der alten Prokuratien hat neuerdings
weiteres Einrüsten der Arkaden nötig gemacht. Sechzehn
Pilaster in der langen Reihe müssen vollkommen erneuert
werden. Man hat endlich mit den Maurerarbeiten be-
gonnen und die Besitzer der betreffenden Teile des Ge-
bäudes gezwungen, Hand anlegen zu lassen. Die Archi-
tekten, Maurer und Steinmetzen hatten nie so viel Arbeit j
als. gerade jetzt. Die Regierung hat ihrerseits die weit-
gehendsten Versprechungen gemacht. So hat Venedig,
welches mehr als je die Sympathien des Auslandes hat,
keinen Grund mehr, über die Knausereien der Regierung
tri Rom zu klagen.

Die verschütteten Kaufgewölbe unter den Neuen
Prokuratien sind wieder eröffnet worden. Am meisten
hat sich das so stark beschädigte Kunstluxusgeschäft des
Cavaliere Bottacin der wiederhergestellten Passage zu
erfreuen und geht erstarkt aus der Katastrophe hervor.

Der Turm von S. Stefano ist nun vollkommen bis
oben eingerüstet und mit Eisenbändern umgeben. Was
weiter geschehen soll, muss sich in diesen Tagen zeigen.
Die vierzehn Tage Frist, welche sich die Stadtverwaltung
zur Entscheidung noch gegönnt hat, sind verstrichen.

Es dürfte von Interresse sein zu erfahren, dass eine
Kommission eingesetzt wurde zur Prüfung des Schadens,
welchen die Dampfer des Kanal Grande den dort befind-
lichen Palästen zufügen. Architekt Sardi hat in seiner
Relation diesen als ganz ausserordentlich bewiesen und
hervorgehoben, dass besonders die kleinen Dampfschaluppeu
der Marine durch ihre wahnsinnig schnelle Fahrt für den
grössten Schaden verantwortlich sind. Den Palastbesitzern
empfiehlt er die Konsolidierung der Fundamente mehr im
Auge zu haben, als selbst die Erhaltung der Fassade.

Ich wiederhole, dass alle sensationellen Berichte in
den Wiener, besonders aber amerikanischen Zeitungen
von Senkungen allüberall in das Reich der Fabeln zu
verweisen sind.
Venedig, Mitte Januar 1903 a. wolf.

BERLINER BRIEF

Die Gemälde, die der in Paris lebende Spanier Hermen
Anglada zur Zeit hier bei Eduard Schulte ausstellt, sind
wohl geeignet, die Hochachtung, die uns die Werke eines
Sorolla y Bastida, eines Zuloaga und anderer vor der
jüngsten Kunst ihres und seines Vaterlandes beigebracht
haben, wenn nicht zu erhöhen, doch wieder aufzufrischen.
Was an Anglada's Arbeiten vor allem anzieht und interessiert,
ist eben das durchaus Spanische in ihnen, und es spricht
für die Stärke und Ursprünglichkeit von Anglada's Talent,
dass der nationale Charakter trotz aller offenbar nicht
unbedeutenden Pariser Einflüsse so deutlich und zwingend
aus allen seinen Bildern redet. Eine ganze Reihe von
ihnen entnimmt ihren Gegenstand dem Nachtleben des
»Seine-Babels«, und das dieser Gegenstand in Ang-
lada's Behandlung etwas Angenehmes hätte, kann man
durchaus nicht behaupten. Alte, total verbrauchte, von
Leidenschaften entstellte Lebemänner, verblühte Courtisanen,
menschliche Ruinen, deren Leichenfarbe sie eher tot als
lebendig erscheinen lassen — kurz das Versumpfte, Wurm-
stichige, Verseuchte — das ist das Gebiet, dem dieser
Maler seine Vorwürfe, wie es scheint, mit besonderer
Vorliebe entnimmt. Er sucht durch krasse koloristische
Gegensätze, zuweilen sehr stark übertreibend, das Laster
in seiner Scheusslichkeit und seinem dennoch »pikanten
Reiz« farbig zu charakterisieren, er bemüht sich offenbar,
seinen Schilderungen etwas Dämonisches zu verleihen.
Aber wäre all dies Farbenspiel, dessen man oft genug
erst froh wird, wenn man den hier durchaus nicht als Neben-
sache behandelten »litterarischen« und entschieden auch
auf Sensationslust berechneten Inhalt überwunden, nicht
ebenso stark, nicht viel erfreulicher vorzuführen gewesen,
wenn der Maler andere Vorwürfe gewählt hätte? Dass
Bilder, wie die »Letzte Soiree«, das einen alten, ekelhaften
Roue im Gespräch mit einem alten abgetakelten, greulichen
Frauenzimmer zeigt, oder wie das der »Morphinistin«,
aus deren fahlgrünlichgrauem Gesicht zwei verglaste grün-
liche Katzenaugen wie blödsinnig ins Leere starren, trotz
all dieser Scheusslichkeit durch ihren künstlerischen Gehalt,
durch das feurige Temperament, das in ihnen pulsiert,
fesseln, das spricht allerdings wiederum für die Stärke der
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