Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 14.1903

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Bücherschau

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Diesen ist diesmal mit grosser Wärme des Tones
Appell gerecht geworden.

Fr. Schnitzler scheint sich mit seiner »Kartoffelernte',
die viel Ton zeigt, auf gesunde Wege begeben zu wollen.
Dieser Schritt ins Freie ist mit Freuden zu begrüssen.

Von Erich Mattschas sind Bilder von Stimmung da.
Die »Kameradschaft« zeigt den bleigrauen Ton, der das
fahle Licht des Morgens stets gut seinen militärischen
Motiven anpasst. Die »Droschenkutscher« sind ein wohl-
gelungenes Aquarell.

Vom jungen O. von Bochmann, der nun auch bereits
anfängt, sein Wörtlein mitzusprechen, ist da eine Terra-
kottabüste, eine alte Holländerin. Vorzüglich in Form
und Ausdruck.

Petersen Angeln bringt in seiner Sammlung wohl das
Beste im Mittelstück, frisch und kernig: »Norwegischer
Gebirgsstrom«. Besonders der Hintergrund, die Berge nnd
die feine, ich möchte sagen »Dücker'sche Luft« sind gut.

Von letzterem Meister sehen wir im grossen Saale ein
ganz wundervolles Bild. Ein Flussbecken im sanften Lichte
des Sommernachmittags. Ein grösserer Kontrast wie
Dücker und Dirks ist ja schlechterdings nicht zu denken,
und so lange »Geister aufeinander platzen", werden Berge
nicht ausreichen, die Kluft zu überbrücken — und doch
sollte man Beiden gerecht werden können. Dücker wird
immer da gross und fast unerreichbar sein, wo er, wie in
diesem Bilde, die ihm liegenden Motive sucht. Ruhe,
Ausgeglichenheit. Und Dirks muss Sturm und Wellen
haben. »Jedem das Seine.« Es giebt so viel Luft um uns
her. Sie ist steuerfrei und hat Raum für die entgegen-
gesetztesten Elemente.

Von unserem leider nun ausgerückten Jernberg sind
gute kleine Bilder da.

Von Heimes ein feiner »Winter an der Nordsee«.

Von Heinr. Hermann ein älteres «Vor dem Stall«,
das mit seinem satten vollen Ton stets wieder anzieht.

Daneben hängt das ältere ausgezeichnete Bild, von
K. Beckerund Klein-Chevalier vereint gemalt: »Ausfahrende
Fischer«. Es füllt die ganze Schmalwand des kleineren
Saales aus. Alles an diesem Bilde ist Leben und gesunde
Kraft. Die von frischer Brise bestrichenen gelblichen Wellen
der Nordsee, ebenso die gut gezeichneten und gemalten
Fischer sprechen von neuem auf das Nachdrücklichste an.

Eine kleine Kollektion von W. Bartsch weist ein toniges
kleines emstgewolltes Bildchen oder Studie auf: »Hafen
von Nieuport«. Steht auch gut im Rahmen.

Die Landschaft von Tutz jun. ist weich und gut im Ton.

Das Bild von Rensing »Am Kamin« zeigt viel Beob-
achtung.

Diese Auswahl von Bildern beweist, dass die Aus-
stellung nicht dem Studienmalen da draussen hinderlich
gewesen ist. Sie zeigt dem stillen Beobachter vor allem
aber eins: es ist eine gesunde Kraft noch in der Düssel-
dorfer Kunst, woran ja Einsichtige niemals gezweifelt
haben, Übelwollende stets zweifelten. Die Linie aber ist
eine aufwärts sich bewegende — und das ist die Hauptsache.

Zuletzt und nicht zuletzt kommt aber noch Fritz von
Wille mit seinem »Meerfelder Moor«.

Wille gehört zu denen, welche neuerdings in der uns
so nahe liegenden und doch Jahrzehnte lang (ausser von
Heinrich Härtung) vergessenen Eifel alljährlich ihre Kräfte
erneuern. Vom Vater her mit einer guten gesunden Dosis
Romantik begabt, entdeckt er, wie Nikutowski in Mittel-
und Süddeutschland neu die eigenartigen Reize der Eifel-
landschaft, die die Unberührtheit ihrer stillen romantischen
Bergnester der Vergessenheit verdankt, die lange Zeit über
ihr geruht hat. Aber wer diese herbe Luft da oben in
den Hochthälem erst einmal mit vollen Zügen eingeatmet

hat, wer in sonnigen Spätherbsttagen über Berg und Thal
gewandert ist zur Zeit, wenn die Ebereschen an den
Wässern sich rotgoldig vom blauen, durch keinen Fabrik-
dunst getrübten Herbsthimmel abheben und in den Gründen
der krystallklare Forellenbach rauscht, wer diesen Zauber
nur einmal verspürt hat, den muss es dorthin immer wieder
| zurückziehen. Und diesem Zauber ist, wie früher Här-
tung, der viel Verkannte und nur von zu wenigen Erkannte,
Fritz von Wille erlegen, wie ihm nun Hans von Volkmann,
wie ihm von den Unseren Heinrich Otto zu erliegen scheint,
wie mit Freuden festgestellt werden muss. Wille's »Meer-
felder Moor« aus der Vulkanischen Eifel zeigt, welche
gewaltigen Motive dort noch bis jetzt teilweise unbewusst
lagern. Dass es eine langsam wachsende Anzahl starker
Talente giebt, welche sich der ernsten Romantik der Eifel,
die schon einen Lessing zu seinen allerbesten Bildern be-
geistert hat, erschliessen, ist eine Gewähr dafür, dass lang-
sam aber sicher die Heimat der Fremde wieder vorgezogen
wird. Hier streifen Wille, Volkmann (Karlsruhe), Otto,
auch Lins, und öfters auch Mühlig umher mit scharfen
Augen und Sinnen, während auf den Rheinufern Härtung
haust und in mitteldeutschen Thälern Nikutowski. Das
sind höchst erfreuliche Beobachtungen.

Erwähnt muss noch werden die »Totenfeier der
deutschen Eisenhüttenleute zum Ehrengedächtnis von
Krupp« in dem Rittersaale der Tonhalle. In der Mitte,
unter gewaltigen romanischen Thorbogen (Hecker) thronte
ein Katafalk. Am altertümlichen Sarge mit dem Relief
Krupp's hält ein Ritter die Wacht, das breite Schwert über
der Schulter ruhend, den Schild über den Sarg ausgestreckt.
Meisterlich war diese Gruppe modelliert (und noch dazu
in unglaublich kurzer Zeit) von Clemens Buscher. Ein
herrliches Orgelspiel vom jungen Hempel erhöhte die
Feier, und der wuchtige Männergesang vervollkommnete
den durchaus harmonischen Eindruck, den die ganze Feier,
verbunden mit der Rede von Räumer, auf jeden Teil-
nehmer machen musste. Das war eine höchst seltene Ge-
samtwirkung. D.u.r.c.h.

BÜCHERSCHAU

Heinrich Brockhaus, Forschungen über Florentiner Kunst-
werke. Leipzig, F. A. Brockhaus, 1902.
Nichts als die Einheit des Ortes hält diese vier zu
einer monumentalen Publikation vereinigten Aufsätze zu-
sammen. Der Verfasser legt grösseren Wert auf die pein-
lich genaue Vorführung aller historischen Bedingungen,
unter deren Zwang die jeweiligen Kunstwerke entstanden,
als dass er unsere ästhetische Einsicht in die Denkmäler
selbst vertieft. Was er bietet, ist typische deutsche Ge-
lehrtenarbeit: durchaus zuverlässig, mit mühseliger Ge-
duld erforscht, umsichtig gesammelt, aber nicht gestaltet
und »oft geründet«. Auch darin trägt sie das Merkmal
einer solchen, dass sie ihren besten Reichtum in den Er-
läuterungen versteckt und vergraben hat.

So scheint mir in dem ersten, Ghiberti's Paradiesesthür
behandelnden Aufsatz das Wertvollste der in den Er-
läuterungen geführte Nachweis, dass auf dem letzten Thür-
relief der Tempel zu Jerusalem »unter gewissen begründeten
Änderungen« die Formen des Florentiner Domes zeigt.
Von dieser neuen Thatsache ausgehend, hätte die Studie

\ einen kunstgeschichtlich bedeutenden Aufschwung nehmen
können, indem sie die Beziehung zwischen dem alt-
testamentarischen Tempel und seinen Reproduktionen in
der Renaissance zum Inhalt wählte. Dafür hätte man dann

■ die schon von Eug. Müntz in den Archives des arts be-
kannt gegebene Chronologie der Thür opfern und auf eine
so unsichere Vermutung wie die, dass Gozzoli bei Ghiberti
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