Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 14.1903

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE

Verlag von E. A. SEEMANN in Leipzig, Querstr. 13

Neue Folge. XIV. Jahrgang 1902/1903 Nr. 5. 6. November

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur »Zeitschrift für bildende Kunst< und zum >Kunstgewerbeblatt€ monatlich dreimal, in den Sommer-
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ERINNERUNGEN AN MICHAEL MUNKACSY
von Fritz v. Uhde

Von vornherein möchte ich bemerken, dass
man mir vielleicht zu viel Ehre erweist, wenn man
von einer innigen Freundschaft zwischen dem ver-
storbenen Meister und mir schreibt. Munkäcsy ist
mir von dem Tage an, wo er mir seine künstlerische
Hilfe anbot, jederzeit auf das freundlichste und liebens-
würdigste begegnet und hat mir bereitwillig genützt,
aber das Verhältnis war stets das des Grossen zum
Kleinen, des Meisters zum Anfänger, und erst später,
als ich mir nach der Ausstellung meines Bildes
»Lasset die Kindlein zu mir kommen« im Pariser
Salon 1885, in seinen Augen die Sporen verdient hatte,
scheint er für mich und für meine Kunst ein wär-
meres Interesse gewonnen zu haben. Dafür sprachen
die freundlichen und interessevollen Briefe, die ich
von ihm von Zeit zu Zeit von Paris bekam. Wieder
gesehen aber habe ich ihn seit meinem Aufenthalt in
Paris (Ende 1879 bis Ende 1880) nur sehr flüchtig,
für wenige Stunden.

In seiner letzten Zeit — ich glaube, kurz vor dem
er in das Sanatorium zu Endenich bei Bonn eintrat,
wo er vergebens Heilung erhoffte, habe ich in meinem
Atelier in München — ich selbst war leider abwesend
- eine Karte von ihm gefunden, auf der er mir mit
unsicherer Schrift einen Gruss geschrieben hat. Dem
Hausmeister, der ihm öffnete, gegenüber hat er be-
tont, dass er in Paris mein Lehrer gewesen sei.

Auch kann ich aus der kurzen Zeit, in der ich
mit Munkäcsy in Paris zusammen war, eigentlich von
seiner Kunst wohl nur den Eindruck der unbeding-
testen beneidenswerten Meisterschaft schildern, den sie
damals bei meinen vielen Besuchen in seinem Atelier
und seinem Haus und ganz besonders als er den
Pilatus anfing zu malen, bei mir hervorgerufen hat.
Seinen Milton hatte ich vorher in München gesehen
und hatte damals den Eindruck, dass nach den alten

Die von Karl Lyka redigierte ungarische Kunstzeit-
schrift Müveszet hatte an Fritz v. Uhde die Bitte gerichtet,
seine Beziehungen zu dem grossen ungarischen Meister
mitzuteilen. Darauf hat Uhde diese Aufzeichnungen ge-
macht, die wir hier im Originale geben. Müveszet bringt
sie gleichzeitig in ungarischer Sprache. Die Redaktion.

grossen Meistern der vergangenen Zeiten etwas Ähn-
liches nie gemalt worden sei. —

Über seine Entwickelung vermag ich nichts aus-
zusagen, er trat damals in mein Leben als der grosse
Meister und als solchen habe ich ihn für immer in
meiner Erinnerung behalten.

Meine frühesten Erinnerungen an Munkäcsy da-
tieren aus dem Jahre 1879. Damals lernte ich ihn im
Hause des sächsischen Gesandten in München, Baron
von Fabrice, kennen.

Wenn ich auch damals schon ein paar Jahre,
allerdings fast wie ein Dilettant, gemalt hatte, konnte
der Meister auf der Höhe seines Ruhmes wohl nur
ein sehr massiges Interesse an mir nehmen, er war
aber so liebenswürdig, mir Mut zu machen — den
hatte ich nach den ersten Erfahrungen in München
beinahe schon verloren — und lud mich ein, nach
Paris zu kommen und dort weiter zu studieren, er
wolle mir gern helfen. So entschloss ich mich, im
Spätherbst des gleichen Jahres für einige Monate nach
Paris zu ziehen, um in seiner Nähe der Malerei etwas
näher auf den Leib zu rücken. Munkäcsy hielt auch
treulich was er mir versprochen hatte und hat mir
durch seine Anleitung und mehr noch durch sein
Beispiel und den Verkehr mit ihm und in seinem
Atelier in den wenigen Monaten, welche ich in Paris
zubrachte, mehr genützt als alle Zeit vorher, wo ich
mich in München ohne Anleitung noch dürftig nach
den alten Meistern in der Pinakothek zu bilden suchte.
Er malte damals, als ich meinen ersten Besuch in
seinem Atelier machte — schon auf der Treppe, die
in den ersten Stock seines Hauses avenue de Villiers
zum Atelier führte, wurde mir andächtig zu Mute,
da hing Bild neben Bild, köstliche Franzosen aus der
Schule von Fontainebleau, daneben auch ein alter
schöner Leibi — an dem unter dem Titel »Die zwei
Familien« bekannt gewordenen Bilde die Figur der
jungen blonden Frau im blauen Morgenkleide — und
lud mich ein, ihm beim Malen zuzuschauen. Diesen
Genuss hat er mir damals öfter bereitet, es war riesig
anregend, beinahe amüsant, mit welcher Sicherheit er
auf die dunkle Bitumeuntermalung die hellsten Lichter
aufsetzte und nach und nach das ganze Figürchen
hell hineinmalte. Noch deutlicher wurde mir seine
Methode, mit der er bei seinen Bildern vorging, in
der kleinen Schule, die er damals auf Zureden einiger
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