Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 14.1903

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Bücherschau

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und prägen ihren Eindruck der Natur als Stil auf.
Als mancherlei Stile, in denen sie sie zu erscheinen
zwingen. Nicht der Künstler richtet sich nach der
Natur, sondern die Natur nach dem Künstler. Man
sehe die Bilder des unglücklichen Vincent Van Gogh,
in denen ein Wald gleich grünen Flammen auf-
züngelt oder die Äcker des Hügelabhanges in langen
zitternden, wogenden Linien niederzufluten scheinen.
Es sind seine Nerven darin, die ihn zu frühem Tode
trieben. In dem furchtbaren Porträt, das Toulouse-
Lautrec, der gleichfalls unglücklich Verstorbene, von
ihm entwirft (Eigentum der Frau Van Gogh-Bussum),
sieht man die Hand des Schicksals. Zwei Schick-
sale: eines gemalten und eines malenden. In Wuillard's
Interieurs ist die ganze Welt grossgeblumt, überall
ein Wuchern von grossen farbigen Stoffmustern. In
den Landschaften von Maurice Denis, mit badenden
Frauen, einer grossen Madonnenscene u. s. f., stilisieren
sich Form und Farbe schon bis zum Geometrischen,
ja Heraldischen. Bei Odilon Redon, der die liebe-
vollsten und schlichtesten Blumenstudien malen kann,
japanisiert und phantasiert die Natur mit den rötesten
der roten Bäume und den goldigsten der echt ver-
goldeten Dekorlaunen. Gauguin, der auf Tahiti lebt,
malt das irdische Paradies, wenn auch mehr irdisch
als paradiesisch. Vallotton's grosszügige japanische
Farbengeometrie ist bekannt. Roussel, Bonnard,
Valtat, der norwegische Bildhauer Gustav Vigeland
ergehen sich in Jugendlichkeiten, über die man lächeln
würde, wenn man es übers Herz brächte. Sie suchen.
Es wird wieder einmal gesucht, mit allen Laternen
des Talentes. Leben ist Suchen.
Wien, 26. Januar.

BÜCHERSCHAU

Adolfo Venturi, La Oalleria Crespi in Milano. Hoepli,
Milano MDCCCCi).

Im neuesten Werke des Adolfo Venturi soll dem Titel
nach eine kleine Privatgalerie in Mailand kritisch beleuchtet
werden. Damit hat der ausgezeichnete Forscher sich aber
nicht begnügt. Diese Galerie diente ihm nur als fester
Punkt, um von hier aus Ausblicke nach allen Richtungen
zu thun. Indem er die Säle dieser kleinen Sammlung
durchmustert, streut er in überreicher Fülle neue Beobach-
tungen, neue Erkenntnisse, neue Ideen aus. Es ist eines
jener Werke, denen gegenüber die Forschung Stellung
nehmen muss, wie einst zu Morelli's von Wahrheiten und
Irrtümern strotzenden Schriften. Venturi schreibt selbst,
dass er: »invece di compilarne semplicemente il catalogo,
abbia preso le mosse per trattare di molti e grandi pro-
blemi della storia e della critica d'arte!«

Es ist vorauszusehen, dass nicht alle Venturi's neue
Bestimmungen Bürgerrecht in der Wissenschaft erhalten
werden. Bedeutende Geister haben aber den Vorzug,
selbst durch ihre Irrtümer — durch den Erisapfel ihrer
abweichenden Meinung und den daraus erwachsenden
Streit die wahre Erkenntnis zu fördern.

Eine der Neuerungen Venturi's, die vielleicht am
meisten Aufsehen erregen wird, dürfte die Rehabilitation
der famosen büssenden Magdalena in der Dresdner Galerie
sein. Der Verfasser schreibt gegen Morelli: »Das Fleisch

1) Con 196 inc. fototipogr. e 38 fotocalcogr.

ist nicht von Porzellan, der rechte Ellenbogen ist nicht
polierter Stuck. Welch ein Abstand zwischen dieser Magda-
lena und den Werken eines Adrian van der Werff.« Venturi
hat sich ritterlich dieser schönen Dame angenommen,
welche bedroht war, von dem Drachen »Gleichgültigkeit«
verschlungen zu werden. Ich muss doch hier bemerken,
dass Morelli's Vermutung, Adrian van der Werff sei der
Autor, nur von wenigen gebilligt worden ist. Von einem
holländischen oder vlämischen Künstler kann kaum die
Rede sein; eher könnte man an einen Bologneser oder an
Christofano Allori denken, wenn er der Urheber einer
ähnlichen Kopie in den Uffizien ist.

Zu der Madonna di Casalmaggiore, die, wie bekannt,
vor wenigen Jahren ins Städel'sche Institut kam, stellt Ven-
turi sich etwas skeptisch und nennt sie »una pittura di
Correggio veduta confusamente«. Der Conte della Palude
bemerkte aber schon 1789, als er das Bild sah, dass es von
den Unbilden der Zeit sehr gelitten hatte, ja nennt es un-
vollendet. Das Bild wurde später übermalt und vor einigen
Jahren wieder von der Übermalung befreit. Dies könnte
vielleicht genügen, das Verschwommene (confusamente
veduta) im Bilde zu erklären.

Die Cortigiana Nr. 11a in derselben Sammlung, sowie
das andere (als Heilige dargestellte) Frauenbildnis gehören
nach Venturi, wie schon früher von Morelli angenommen,
dem Bartolommeo Veneto. Ich muss hierzu folgende Be-
merkungen machen: Von diesen recht verschieden behandel-
ten Bildnissen hat das erste Berührungspunkte mit anderen
Werken von Bartolommeo Veneto. So kommt der Blätter-
kranz um das Haupt bei der heiligen Katharina zu Glasgow
vor, die sich ringelnden Locken bei der Frau mit dem Hammer,
im Besitze des Herzogs Melzi in Mailand. Die Schmuck-
gegenstände an Brust und Stirn wiederholen sich ganz
ähnlich sowohl in seiner Judith in Dresden als in seinem
Porträt bei dem Duca Melzi, ferner in der anbetenden Ma-
donna in der Coli. Benson zu London (sowohl bei Maria
wie bei den Engeln). Henry Thode meint im Gegenteil
in diesem interessanten Bildnisse ein Werk Dürer's zu
erkennen. Die spezifische Ausdrucksweise, die scharfe
Zeichnung, der captivierende Blick haben gewiss viel
Dürerisches, während eine gewisse Freiheit der Haltung
und des Ausdruckes, die reinen, regelmässigen Gesichts-
züge italienisch anmuten.

Zwei Alternative scheinen hier vorzuliegen: Entweder
muss das Bildnis während des Aufenthalts Dürer's in
Venedig — wahrscheinlich während seines zweiten in den
Jahren 1505—1506 — unter seinem starken Einflüsse ent-
standen sein, oder auch umgekehrt ist das Bildnis, wie Thode
meint, von Dürer geschaffen unter dem Einflüsse desVene-
tianers. Im letzteren Falle dürfte das eben erwähnte, sehr ver-
wandte und bezeichnete Bildnis bei dem Duca Melzi als
Vorbild gedient haben. Doch erscheint die erste Alter-
native als die weitaus wahrscheinlichste. Aus den Werken
Bartolommeo's lässt sich meines Erachtens eine Gruppe ver-
wandter Bilder ausscheiden. Es sind dies die sechs um
die Madonna bei dem Grafen Dona delle Rose sich grup-
pierenden Madonnenbilder. Wohl aus derselben Periode,
wahrscheinlich auf ein Vorbild Bellini's zurückgehend,
unterscheiden sie sich im Stile von den übrigen Gemälden.
Die Landschaften, die sich im Hintergrunde mehrerer
dieser Madonnen befinden, knüpfen sie aber mit jenen
wieder zusammen.

Von anderen merkwürdigen Neubestimmungen in
deutschen Galerien nenne ich noch die des Bacchanals in
der Mainzer Galerie, welches von Crowe und Cavalcaselle
(stranamento) dem Piazzetta oder Tiepolo zugeschrieben
wurde, nach Venturi aber ein Meisterwerk von Tizian ist.
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