Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 14.1903

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Wiener Brief

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Zeichners der Illustrated London News, dessen
schneidig hingesetzte Teintfarben nicht ahnen lassen,
dass ein Halbgelähmter ihr Urheber war. Schliess-
lich sieht man noch eine lebensgrosse Reiterin auf
braunem Pferde, in hellgelbem Reitkleid, vor grünem
Laub, durch das ein schräger Windstoss fährt. Das
Bild ist nicht vollendet, aber die Töne sitzen so fest
beisammen, dass man kaum merkt, was noch fehlen mag.

Von Claude Mottet sieht man acht Bilder, darunter
das grosse »Frühstück im Freien« (1866), mit fünf
Damen und sieben Herren in Toiletten der Krinolinen-
zeit, unter mächtigen Buchenstämmen. Drei Jahre
nach Manet's »Dejeuner sur l'herbe«, das den grossen
Pleinairskandal einleitete. Ein Jahr nach Manet's
»Olympia«. Wie weit ist aber Monet gegen Manet
im Punkt des Punktes zurück. Er wurde erst er
selbst, als er ganz und gar Landschafter war. Als
Manet ihn den »Raffael des Wassers« nannte und
nie mehr Schnee malte, weil Monet's Schnee unüber-
trefflich sei. Es ist auch eine solche Schneelandschaft
von ihm da, von unglaublicher Diskretion. Dann die
rötlich und grünlich hingestrichelten Charakterköpfe
von »Monsieur Paul«, dem Koch, und seiner ehr-
würdigen Ehehälfte nebst weissem Pinscher. Dann
sechs Bilder von Auguste Renoir, dem Erfinder der
hellen »Sonnenflecken« und der blau violetten Schatten,
deren Ära 1875 begann. Die »Theaterloge« mit der
schwarz-weiss gestreiften Dame ist auch darunter und
die berühmte blaue Tänzerin in Weiss, mit blauen
Bändern, und ihr Seitenstück, das appetitliche Töchter-
lein des Malers (die »kleine J. D. R.«). Dann sieben
Bilder von Edgar Degas, mit all seinem Spuk von
künstlichem Licht und Schatten. Ein grosses Bild
mit Tänzerinnen giebt ihn förmlich monumental, mit
einer erstaunlichen Wucht im hin und wieder prallen-
den Schatten, in dem das Weiss schon dunkelblau
wird. Und dabei wieder (»Tänzerinnen in Rosa«)
dasselbe Prinzip zu den leisesten Wirkungen zu-
sammengestimmt. Man kann da lernen, was alles
innerhalb des Begriffes »rosa« vor sich gehen kann.
Fünf Bilder von Camille Pissarro. Darunter ein
»Boulevard de Clichy« (1880) voll violetter Schatten,
zwischen die sich die feinsten rosigen und grünlichen
Lichter einschieben. Das ist der klassische Boulevard
der Impressionisten. Da war das Cafe Guerbault,
wo die Schwefelbande unter Manet hauste, bis zum
Kriegsjahr 1870. Und die Brasserie Reichshoffen,
wo Manet seine Biermamsellen, die Servantes des
bocks, fand. Und das alte Restaurant des »Pere
Lethuille«, in dessen Hintergärtchen er um 1880 so
kühnes Pleinair malte (»das Rendezvous«). Ein Pracht-
stück, dieser Pissarro'sche Boulevard; es ist schon
der ganze Raffaelli darin. Dann acht Landschaften
von Alfred Sisley, voll echter Idyllenluft und gelinder
Farbenfreiheit. Dagegen sieben Bilder von dem
Farbenwüterich Cezanne, dem ersten, der sich Manet
anschloss, und zwar mit Delacroix im Leibe. Er
war zeitlebens der Refüsierteste der Refüsierten. Noch
vor wenigen Jahren, als man die Auswahl aus dem
»Vermächtnis Caillebotte« zu machen hatte, wollte
man nichts von ihm wissen und es hielt schwer,

zwei seiner schwächeren Bilder für den Luxembourg
durchzusetzen. Man nahm dergleichen nicht ge-
schenkt. Hier ist ein Hauptbild von ihm: »Pierrot
und Harlekin« (Durand-Ruel). Das weisse Gewand
Pierrot's ist eine ganze Sammlung von Reflexen jeder
Art und auf den beiden Gesichtern ganz spektral-
analytisch. Köstlich in seiner absoluten Voraus-
setzungslosigkeit ist das kleine Bildnis des alten Kunst-
sammlers Choquet, der unter seinem schweren Gold-
rahmen auf einem Sessel sitzt und auf der Rücklehne
zwei Hände kreuzt, deren energisches Licht- und
Schattenwesen an sich ein Meisterstück ist. Zwei
seiner kleinen Fruchtstücke erinnern deutlich an
Manet's Fingerübungen.

Es ist ganz interessant, dass die Ordner der Aus-
stellung auch etwas von den Quellen des modernen
Impressionismus zusammenstellten. Arbeiten von
Velazquez, Goya, aber auch von Tintoretto, an dessen
Selbstporträt im Louvre Manet nie vorüber konnte,
und sogar von Rubens, dem Qreco (Theotokopuli)
und anderen. Selbst im herrlichen Venneer van Delft
der Galerie Czernin (»Atelier des Malers«) finden sie
schon das Prinzip. Goya ist besonders reichlich ver-
treten (Senor Zuloaga in Sevilla), durch sechs Bilder
und über sechzig Radierungen (»Caprichos« und
Kriegsgreuel). Daumier, der anno 1900 so modern-
lebendig hervortrat, Monticelli, der tizianische Farben-
kräfte so neuartig zerstäubte, Corot sogar, mit einem
kleinen Halbakt, zeigen ihre Klaue. Dazu Plastiker:
Houdon, Rüde, Carpeaux (viele interessante Büsten).
Und ein ganzes Kabinett ist mit ausgewählten Japanern
behängt; Manet schätzte bekanntlich Hokusai's
»Mangwa« ungemein hoch. Die Erscheinungen inner-
halb des Impressionismus werden vorgeführt in Bildern
von Puvls, Whistler, Besnard, Cottet, Lucien Simon,
Gaston La Touche, Forain, Liebermann, Slevogt.
Deutlich sieht man aus dem besonderen Natureindruck
eines jeden die besondere Persönlichkeit hervortreten.
Besnard's grosses Stallbild mit braunen Ponys, deren
glattes Fell Glanzlichter sprüht, Liebermann's »Bleiche«,
Slevogt's grosser »Sommermorgen« treten besonders
hervor. Eine Abzweigung ins Experimentelle bilden
die Neo-Impressionisten: Seurat, Van Rysselberghe,
mit neuesten Arbeiten, wie des letzteren grossem
Bilde: »Junge Damen am Strande«, in weissen
Toiletten, die in der Sonne alle Färbungen annehmen.
Von Seurat erinnert ein »Sonntag in Grande Jasse«
an sein erstes Bild, in dem er die These der Farben-
teilung praktisch durchführte. Wieder schliessen die
Bildhauer sich an. Sie führen die »Stimmung« ins
Dreidimensionale. Von Rodin ist die »Hand Gottes«
neu: eine Riesenhand, die sich wagrecht aus dem
Chaos des rohen Marmors hervorstreckt und in der
die kleinen Menschlein ihr Wesen treiben. Meunier,
Charpentier, Jules Desbois, Carabin, Fix-Masseau und
andere, jüngere stellen sich reichlich ein. Der jüngste
ist der Italiener Medardo Rosso (Paris), der in Bronze
und Wachs (»Kind in der Sonne« u. dergl.) seine
Augenblickswirkungen noch im Werden zu über-
raschen sucht.

Und dann verdichten sich die Persönlichkeiten
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