Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 16.1905

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PROFESSOR
J. OLBRICH,

GARTEN-
RESTAURANT
DER ZWEITEN

AUSSTELLUNG
DER DARM-
STÄDTER
KÜNSTLER-
KOLONIE

'

DIE ZWEITE AUSSTELLUNG
DER DARMSTÄDTER KÜNSTLERKOLONIE

DREI Jahre sind seit der ersten Ausstellung der
Darmstädter Künstlerkolonie, dem »Dokument
deutscher Kunst igoi«, verflossen. Es waren
Jahre für die Künstlerkolonie reich an schmerzlichen
Erfahrungen und harten Kämpfen, in deren Folge
sich eine gänzliche Neuorganisation der Kolonie voll-
zogen hat. Eine große Zahl der damaligen Künstler
ist aus dem Verband der Kolonie ausgeschieden:
Professor Christiansen nach Paris, Professor Behrens
nach Düsseldorf, Paul Bürk nach Magdeburg, Rudolf
Bosselt gleichfalls nach Düsseldorf, Patriz Huber nach
Berlin, wo ihn nach erfolgreichster Tätigkeit ein be-
klagenswertes, zu frühes Ende erreichte, außer
Christiansen und Huber alle in Staatsstellungen. So
sind von den »heiligen Sieben« von damals nur zwei
übrig geblieben: Olbrich, der Architekt und Ludwig
Habich, der Bildhauer. Zur Ergänzung sind andere
Künstler berufen worden: J. V. Cissarz, der vom
»Kunstwart« bekannte Dresdener Künstler, Paul Hau-
stein und Dr. Daniel Oreiner. Wandlungen hat im
Laufe der Jahre auch die Kritik der Künstlerkolonie
durchgemacht. »Von der Parteien Gunst und Haß
verwirrt«, schwankte ihr Charakterbild lange Zeit
in der Geschichte. Heute ist einerseits ja nicht
mehr zu bestreiten, daß viel Verfehltes und Totge-
borenes damals produziert worden war, andererseits
aber hat sich doch auch die Erkenntnis siegreich durch-

Kunslgeweibeblalt. N. F. XVI. II. 2

gerungen, daß die Ausstellung als Ganzes eine künst-
lerische Tat war. Die Gründung der Darmstädter
Künstlerkolonie durch Großherzog Ernst Ludwig ist
als entwickelungsgeschichtliches Ereignis anerkannt.
Die diesjährige zweite Ausstellung unterscheidet
sich nun sehr wesentlich von der anno igoi. Vor
allem ist sie intimer. Die marktschreierische Reklame
von damals hat einer fast übertriebenen Reklamescheu
Platz gemacht, von jener Selbstüberschätzung, die in
dem Worte »Dokument deutscher Kunst« ihren präg-
nantesten Ausdruck gefunden hatte, ist nichts mehr zu
spüren. Es fehlt ferner das große, ausstellungsmäßige
Arrangement. Das einfach-vornehme Gartenrestaurant
ist das einzige, was an »Ausstellung« gemahnt. Im
übrigen wird einfach gezeigt, was für dauernde Lebens-
zwecke geschaffen worden ist. Der Gesamteindruck
wird dadurch so sehr viel ruhiger und vornehmer, als
1901. Ein weiterer wesentlicher Unterschied liegt in
der Geschlossenheit der diesjährigen Ausstellung gegen-
über der Zerfahrenheit der ersten. Damals standen sich
unversöhnliche Gegensätze schroff gegenüber: hie
Olbrich - - hie Christiansen — hie Behrens — hie
Huber. Die Einzelarbeit von sieben sich in Wahrheit
fremden Leuten war mehr oder weniger äußerlich
nebeneinander geraten. Die diesjährige Ausstellung
dagegen zeugt von einem organischen Zusammen-
arbeiten, von wirklicher Koloniearbeit, ohne daß in
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