Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 16.1905

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DIE AUSSTELLUNG VON THÜRINGER PORZELLANEN IM GRASSIMUSEUM ZU LEIPZIG 83

sind meist als Blumenvasen praktisch verwendbar. Auch
von ihnen ist jedes einzelne Stück ein selbständiges
und feines Kunstwerk. Die Derbheit der meist in
weißer Farbe gehaltenen Verzierungen, die durch die
Technik begründet ist, — die Farbe kann nicht mit
einem Pinsel aufgetragen, sie muß mittelst eines Röhr-
chens aus einer Kanne gegossen, bezw., wenn größere
Flächen gefärbt werden sollen, der Gegenstand muß
in die Farbe getaucht werden — wirkt gerade in
Verbindung mit den feinen, paillettenartig aufgesetzten
Knöpfchen vorzüglich. Die Grundfarben sind auch

hier Dunkelbraun, Rotbraun und Weiß, wozu zuweilen
noch ein helles Olivengrün tritt.

Und nun vergleiche man, um auf das zu Anfang
Gesagte zurückzugreifen, diese erfreulichen Erzeug-
nisse einer verständigen, staatlichen Kunstpflege mit
dem, was sonst auf bureaukratischem Wege mit Kunst-
gewerbeschulen und ähnlichem erzielt zu werden
pflegt. Man wird den Weg, den die hessische Regie-
rung eingeschlagen hat, vorausgesetzt, daß es nicht
bei dem einmaligen Versuch bleibt, nachahmenswert
finden. OTTO BERNHARD.

P. HAUSTEIN,
TÖPFEREIEN,
AUSGEFÜHRT

VON H. SEIM,
HOMBERQ
A. D. OHM

DIE AUSSTELLUNG VON THÜRINGER POR-
ZELLANEN IM GRASSIMUSEUM ZU LEIPZIG

DAS Jahr 1904 wird immer ein Denkstein in der
Geschichte der Erforschung des europäischen
Porzellans bleiben. Nicht weniger, als drei
bedeutende Ausstellungen von altem Porzellan hat
es gegeben: im Berliner Kunstgewerbemuseum, im
Wiener Museum für Kunst und Industrie und im
Leipziger Grassimuseum. Sie haben sich alle ver-
schiedene Ziele gesteckt gehabt. Die Berliner Aus-
stellung zeigte das europäische Porzellan als Ganzes
in seiner höchsten Entfaltung, die Wiener gab die
Entwicklung einer einzigen großen deutchen Porzellan-
manufaktur und die Leipziger die einer Landschaft.
Es ist auf diese Weise unendlich viel Porzellan an
die Öffentlichkeit gelangt, mehr als jemals zuvor und
sobald wieder. Die Wissenschaft hat dabei ganz
ungewöhnlich profitiert, das Gefallen an diesen Gegen-
ständen einen erstaunlichen Grad erreicht. Die Aus-
stellungen sind ja überhaupt eine Folge der wieder-
erwachten Teilnahme, Freude, ja Leidenschaft für
dieses Gebiet gewesen, sie haben diese ihrerseits
wieder vermehren helfen. Auch das große Publikum

ist für diese lange Zeit so mißachtete Kunst wieder
erobert worden und wird nun hoffentlich die
Freude, die es an den alten Produkten gewonnen,
auch auf die moderne Produktion übertragen, damit
auch ihren Erzeugnissen gegenüber seine Ansprüche
steigern und dadurch hoffentlich das Porzellan wieder
zu einem wirklichen Kunstprodukte machen, das es
das ganze 18. Jahrhundert hindurch gewesen ist.
Das kann der ganzen modernen Porzellanindustrie zu-
gute kommen.

Die Ausstellung von Thüringer Porzellanen im
Leipziger Grassimuseum ist die letzte dieses Jahres,
aber vielleicht die lehrreichste und wissenschaftlich
ergebnisreichste gewesen, diejenige, die der Forscher
am wenigsten vermissen möchte. Zwar sie hat keine
solche Höhenkunst vorzuführen gehabt, wie die
Berliner, kein so geschlossenes Bild, wie die Wiener,
aber sie hat sicherlich überraschender, klärender ge-
wirkt, als diese beiden, sie hat über ein Gebiet Licht
verbreitet, das nachgerade anfing für den ernsthaften
Kunstforscher ob seiner Verworrenheit und Dunkel-

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