Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 16.1905

Page: 161
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstgewerbeblatt1904_1905/0168
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
JAVANISCHE KUNST

NUR spärlich sind in unserer Öffentlichkeit die
Kenntnisse von orientalischer Kunstpflege, und
unsicher darüber, wie weit wir mit Echtem,
und wie weit wir mit europäischer Einfuhr zu tun
haben. Die gemächlichere Zeit, die der Orientale
hat, läßt ihn sich sorgfältiger in die Kunst und das
Kunstgewerbe vertiefen und die künstlerisch freie
Handarbeit vor der mechanischen Vervielfältigungs-
arbeit bevorzugen. Die innigere Berührung mit der
Natur sowie der Reichtum an Tieren und namentlich
an Pflanzen gibt ihm mannigfaltigste Vorbilder und
schließlich auch großenteils bessere Farben, als wir
sie haben: die orientalische Pflanzenfarbe dürfte zur
Überlegenheit orientalischer Textilkunst über die un-
sere mit ihren vorwiegenden Mineralfarben viel bei-
tragen.

Wohin der Europäer kommt, dort hat er gewöhn-
lich andere Interessen, als die örtliche Kunstproduktion
zu begünstigen, etwa gar eine bereits verfallende
Kunst neu zu beleben. Viel lieber ist es ihm, eine
solche Kunst mit seinen mechanischen Mitteln äußer-
lich nachzuahmen und dann durch Einfuhr solcher
billigeren Waare zu schlagen. Was in dieser und
ähnlicher Weise die Engländer (z. B. durch Ver-
drängung der indischen Handarbeit mittels europäi-
schen Kattuns), Holländer und andere in Südasien
geleistet oder nicht geleistet haben, davon ist ja be-
reits manches bei uns auch in weiteren Kreisen be-
kannt. Eines der an Einwohnern und Produkten
reichsten Länder dieser Gegend ist die verhältnismäßig
kleine Insel Java. Einst von indischer, besonders
buddhistischer Kultur und im Besitz einer eigenen,
der Kawi-Sprache und -Literatur, kam das Volk seit
ungefähr 1400 unter mohammedanische und seit 1600
unter holländische Herrschaft. Jetzt herrschen dort
ganz wenige Europäer, meist Beamte und Kaufleute,
über mehr als 20 Millionen vorwiegend malayischer
Eingeborener. Einzelne Fürstenhöfe hat man zum
Schein bestehen lassen, wie denn die Regierung über-
haupt ihren Nutzen darin findet, die heimischen Ver-
hältnisse der Insel zu konservieren. Beispielsweise
läßt sie die Eingeborenen nicht europäische, sondern
landeseigene Kleidung tragen, damit sie sich nicht
gleichwertig oder gar überlegen fühlen. Diese Um-
stände halten denn auch den völligen Verfall der ja-
vanischen Kunst auf. Zwar ist von der ehemals

KF.^KP.rlRP,

I

£&i.

I

DRUCKVERZIERUNQ VON REGIERUNGSBAUMEISTER A. HÄRTUNG, BERLIN

Kunstgewerbeblatt. N. F. XVI. H. g
loading ...