Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 16.1905

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KOPFLEISTE VON REGIERUNGSBAUMEISTER A. HÄRTUNG, BERLIN

BEOBACHTUNGEN ÜBER GEWERBLICHE ERZIEHUNG

UND PRAKTISCHEN UNTERRICHT IN DEN SCHULEN

DER VEREINIGTEN STAATEN VON NORDAMERIKA

NACH EINEM VORTRAGE, GEHALTEN IM KUNSTGEWERBEVEREIN

ZU LEIPZIG AM 31. JANUAR igos

VON DIREKTOR DR. PABST IN LEIPZIG

WER die Erörterungen verfolgt hat, die in den
letzten Jahren über die schwierige Frage der
gewerblichen Erziehung gepflogen worden
sind, dem wird es nicht entgangen sein, daß sich ein
grundsätzlicher Wandel in den Anschauungen voll-
zogen hat und noch vollzieht. Vor noch nicht all-
zulanger Zeit glaubte man genug getan zu haben,
wenn man statt der allgemeinen Fortbildungsschule
eine gewerbliche Fortbildungsschule begründete und
wenn man Gewerbeschulen und Kunstgewerbeschulen
organisierte, die sich neben einer mehr oder weniger
guten Ausbildung im Zeichnen auf theoretischen
Unterricht beschränkten. Alles andere, insbesondere
das Technische und die Einführung in die Praxis des
Gewerbes erwartete man von der Meisterlehre, mit
anderen Worten: man überließ es dem Zufall, in
welcher Weise diese Ausbildung vor sich ging.

Dieser Zustand ist nun wohl allmählich als ein
unhaltbarer erkannt worden, und mehr und mehr wird
mit Nachdruck die Forderung geltend gemacht, daß
sich die gewerbliche Ausbildung auf einer anderen
und besseren Grundlage aufbauen müsse. Wir wollen
die Entwickelung, die sich in dem Wechsel der An-
schauungen vollzogen hat, nicht im einzelnen ver-
folgen, aber doch die Urteile einiger Männer hervor-
heben, die in dieser Frage mit besonderem Nachdruck
das Wort ergriffen haben. In der Versammlung der
deutschen Kunstgewerbevereine in München 1901
sprach der dortige Schulrat Dr. Kerschensteiner über
»die gewerbliche Erziehung der deutschen Jugend«.
Er betonte zunächst, daß der Mangel einer technischen
Schulung in unseren gebildeten Kreisen besonders groß
sei, ungleich größer als in Frankreich, England und

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Nordamerika, und daß damit eine gewisse Urteilslosigkeit
unseres gebildeten Publikums verbunden sei. Dieses
Publikum aber kommt in seiner Masse als Käufer
der gewerblichen Produkte in Betracht, und solange
demselben nicht ein besserer Geschmack anerzogen
wird, der auf die Hebung der gewerblichen Pro-
duktion zurückwirkt, wird eine solche auch nicht von
Seiten der Produzenten als notwendig anerkannt werden.
Außerdem handelt es sich um eine bessere Erziehung
der produzierenden Kräfte. Die Fachschulen, mögen
sie noch so gut organisiert und mit noch so reichen
Mitteln ausgestattet sein, können den Mängeln der
bisherigen Erziehung nicht abhelfen, da sie immer
nur einen kleinen Teil der Leute aufnehmen können,
denen eine gewisse technische Schulung zukommen
sollte. Um eine durchgreifende Besserung herbeizu-
führen, müssen wir uns zu entsprechenden Organi-
sationen derjenigen Schulen entschließen, welche die
Massen treffen, der Volks-, Fortbildungs- und Gewerbe-
schulen. Je mehr Deutschland zu einem Gewerbe-
und Industriestaat heranwächst, um so mehr ergibt
sich die Notwendigkeit, in allen Schulen auf eine
bessere Ausbildung von Auge und Hand Rücksicht
zu nehmen, denn »die erste Orundforderung einer
gewerblichen Erziehung ist die Fürsorge um die Aus-
bildung von Auge und Hand«. Jeder, auch der, der
später nicht eigentlich gewerblich tätig ist, sollte eine
gewisse Vorstufe der gewerblichen Erziehung durch-
laufen, die ihn vertraut macht mit der Führung der
einfachsten Werkzeuge und mit den Grundbegriffen
einer sachgemäßen Behandlung des Materials, und
die ihm einen Einblick verschafft in die Schönheit
einer einfachen, dem Gebrauchszwecke entsprechenden

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