Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 16.1905

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DIE MODERNE SCHMUCKKUNST IM LICHTE
DER WELTAUSSTELLUNG IN ST. LOUIS1)

VON PROFESSOR RUCKLIN-PFORZHEIM

WELTAUSSTELLUNGEN sind Rückblicke der
Kulturnationen über geleistete Arbeit. Ihr
Wert, ihre dauernde Bedeutung kann nicht
allein danach eingeschätzt werden, was jede für sich,
sondern was sie im Vergleich mit vorangegangenen
derartigen Veranstaltungen geboten haben. Es würde
unrichtig sein, eine Weltaussellung nur danach zu
taxieren, was sie im einzelnen an ab-
solut Neuem, an noch nicht Dagewese-
nem gebracht hat, vielmehr wird man
sie darnach beurteilen müssen, was
sie im Ganzen an Vergleichs- und
Studienmaterial zusammenzubringen
wußte. Von diesem Standpunkt aus
und nur von diesem kann man auch
der Abteilung für Schmuck auf der Welt-
ausstellung in St. Louis eine dauernde Be-
deutung beimessen, die sonst eine durchaus
ungenügende und lückenhafte genannt werden
müßte, von dem Standpunkt nämlich, daß
man das, was diesmal geboten wurde, ver-
gleicht mit dem, was seinerzeit beispielsweise
auf der Weltausstellung in Paris zu sehen
war; man wird dann finden, daß sich aus
dieser Vergleichung neue Fortschritte, neue
Wandlungen und neue Gesichtspunkte er-
geben, die zu konstatieren bei keiner andern
Gelegenheit möglich gewesen wäre als bei
einer solchen Weltausstellung.

Ehe ich einen kurzen Überblick zu geben
versuche über den Stand der modernen
Schmuckkunst im Lichte der Weltausstellung
in St. Louis, müssen einige Ausführungen
über die besondere Eigenart dieses Gewerbes
vorausgeschickt werden.

Das Schmuckgewerbe, die Schmuckindu-
strie ist in viel höherem Grade als jeder
andere Zweig unseres Kunstgewerbes ein
Luxusgewerbe, eine Luxusindustrie im eigent-
lichsten Sinne des Wortes. Kaum ein anderer
Zweig unseres Kunstgewerbes bringt Ob-
jekte hervor, die so wenig einem realen
Lebensbedürfnis entsprechen als eben der
Schmuck. Man kann sehr reich sein, sich
sehr vornehm kleiden, in der besten Gesell-
schaft verkehren, ein Kunstenthusiast sein, und

man kann ohne Schmuck auskommen. Es gibt nur
eine Zwangslage, Schmuck zu kaufen, nämlich die,
daß man verheiratet ist, und selbst in diesem Zustande
kann man mit Konsequenz und gutem Willen darum
herumkommen.

Aus dieser Tatsache, daß die Schmuckindustrie im
eminenten Sinne eine Luxusindustrie ist, folgen ge-

1) Nach einem im badischen Kunstgewerbe-
verein in Karlsruhe vom Verfasser gehaltenen
Vortrage.

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LINOBY BEI KOPENHAGEN, WANDSCHRANK IM PESEL
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