Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 16.1905

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202 DIE AUSSTELLUNO KÜNSTLERISCHER INNENRÄUME DER FIRMA A. S. BALL IN BERLIN

A. FEHSE, MARIE PHILIPP, H. BRANDT UND E. SCHNECKENBERG, BERLIN, »SCHÜLERZIMMER«

wie irgend ein alter Stil, aus dem Material, aus der
Technik, aus dem Zweck entstanden; und auch die
Rücksicht auf neue soziale Bedingungen (Hygiene,
Geselligkeit usw.) ist ebensowenig ausschlaggebend
wie die Berufung auf ein neues Selbstgefühl des Indi-
viduums. All dies nämlich, auch das stolze und
scheinbar oft so willkürliche »Seelchen« des einzelnen
Künstlers, spielt für sich genommen eine nur kleine
Rolle in dem komplizierten Prozesse, den man als
Stilbildung bezeichnet. Denn ein Stil ist etwas
anderes als ein System bestimmter äußerer Formen,
die dem einen gefallen mögen, dem anderen nicht,
die heut praktisch sein mögen, morgen nicht, sondern
jeder Stil ist der Ausdruck einer bestimmten Art des
Sehens, einer bestimmten Disposition des Auges und
der Seele (das Auge ist der Spiegel der Seele), die
als solche entwickelungsgeschichtlich bedingt ist, und
eine notwendige Folge bestimmter Voraussetzungen
bedeutet, — eine Tatsache, über deren »Berechtigung«
an sich ein Streit gar nicht möglich ist, und die sich
mit Notwendigkeit auf allen Gebieten des bildnerischen
Kunstschaffens äußern muß: die Darstellung des Men-
schen, die Wiedergabe der Natur unterliegt dem ebenso,
wie die jeweilige Gestaltung eines Raumes oder Gerätes.

Vor drei, vier Jahren gab es einen sensationellen
Streit, ob Berlin oder München den Vorrang als
Kunststadt in Deutschland beanspruchen dürfe. Man
mag dazu stehen, wie man will; aber jeder wird zu-
geben, daß vor etwa 15 Jahren überhaupt schon die
Stellung einer solchen Frage unmöglich gewesen
wäre. Heute — das ist sicher — wird in Berlin
eine ganz gewaltige Menge an künstlerischer Arbeit
produziert, so gewaltig, daß immer noch genug übrig
bleibt, auch wenn man die allzu stattliche Rubrik der
dortigen Scheinkunst nicht in Rechnung zieht. Später
als in Süddeutschland hat hier auch die moderne
dekorative Kunst ihre Wurzeln geschlagen; aber trotz-
dem konnte schon die Weltausstellung des vorigen
Jahres in St. Louis für Berlin einen entscheidenden
Erfolg grade auf diesem Gebiete bringen. Das war
nicht so überraschend, als es den ferner stehenden
vielleicht scheinen möchte. So hatte Berlin schon
seit der Zeit der neudeutschen Renaissancebewegung
der siebziger Jahre - - und darin liegt ihre entschie-
dene Bedeutung, die man immer anerkennen sollte
- eine Industrie und kunstgewerbliche Produktion,
die auf den verschiedensten Gebieten wenigstens
technisch Meisterhaftes leistete. Man muß auch weiter
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