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Moderne Bauformen: Monatshefte für Architektur und Raumkunst — 12.1913

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https://doi.org/10.11588/diglit.48360#0427

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301

KERAMISCHE INNENRÄUME DER GROSSHERZOGLICHEN
MANUFAKTUR IN KARLSRUHE.
Von Prof. KARL WIDMER, Karlsruhe
Zu den Tafeln 51—57

Eine künstlerische Baukeramik großenStils hat sich
in unserer Zeit nur dadurch entwickeln können,
daß sich das Kunsthandwerk bis zu einem gewissen
Grad den wirtschaftlichen Bedingungen des moder-
nen Großbetriebs anpaßte. Die Ausführung so um-
fassender Arbeiten, wie die Ausstattung von Fassa-
den und Innenräumen in künstlerisch bearbeitetem
Fliesenmaterial verlangt nicht nur aus rein tech-
nischen Gründen eine entsprechende Größe des
gesamten Arbeitsapparats, was die ausführenden
Kräfte wie die handwerklichen Einrichtungen be-
trifft. Mit der Größe des Umsatzes verbilligt sich
auch die Arbeit. Indem jedes Stück in Entwurf und
Ausführung bis zum letzten Pinselstrich durchaus
das Werk der künsterisch geschulten menschlichen
Hand bleibt, vereinfachen sich doch die rein me-
chanischen Nebenarbeiten, wie die Vorbereitung des
Materials durch Maschinenbetrieb usw.
Durch eine solche Vereinigung von Handwerk
und Großbetrieb ist es erst möglich geworden, die
technischen und künstle risch en Vorzüge desMaterials
auch praktisch in vollem Umfang auszunützen und
die künstlerische Keramik auch im Dienste großer
moderner Kulturaufgaben wieder in der Architektur
einzubürgern.
Zu einer unserer bedeutendsten Großwerkstätten
auf diesem Gebiet hat sich in neuerer Zeit die
GroßherzoglicheManufaktur inKarlsruhe entwickelt.
Die Bedeutung ihrer künstlerischen Tätigkeit liegt
zu einem wesentlichen Teil in der Vielseitigkeit
ihrer Aufgabe, die sich nicht auf eine einzelne
Spezialität der keramischen Technik beschränkt,
sondern alle für die Baukunst wichtigen Gattungen
der Keramik umfaßt. Das ist aus praktischen
Gründen ebenso wichtig wie aus künstlerischen.
Die verschiedenen Zwecke der architektonischen
Verwendung stellen auch an die Eigenschaften des
Materials sehr verschiedene Anforderungen. Die
Majolika mit ihrer reichen, jeder künstlerischen Ab-
stufung fähigen Palette, ihrem warmen, behaglichen
Stimmungscharakter ist das gegebene Mittel für
die Ausstattung des Innenraums. Dagegen ist das
Material nicht geeignet, unter freiem Himmel dem
doppelten Einfluß von Frost und Nässe auf die
Dauer Widerstand zu leisten. Dafür bietet das Stein-
zeug mit seinem glasharten Scherben und seiner

unangreifbaren Glasur einen wetterfesten Stoff für
die Verwendung im Freien: als Fassadenteil, Brun-
nenplastik usw. Die Unvergänglichkeit der Farbe
hat aber jede Art von Fliesenmalerei vor der eigent-
lichen Wandmalerei voraus: sie verblaßt nicht,
dunkelt nicht nach, läßt sich vom Schmutz leicht
reinigen und erhält mit der Zeit durch die Patinanoch
eine besondere Feinheit des Tons. Dazu kommt
bei der keramischen Plastik noch ein besonderer
Vorteil der Bearbeitung: das Ausformen verbilligt
die Herstellung im großen und gibt dabei die denkbar
zuverlässigste Übertragung des künstlerischen Mo-
dells in das Material der Ausführung.
Die Großherzogliche Manufaktur hat sich gerade
in der Ausstattung und Ausschmückung größerer
Innenräume ein Hauptgebiet ihrer künstlerischen
Tätigkeit erschlossen. Unter der Mitwirkung her-
vorragender Architekten und Bildhauer von ganz
Deutschland hat sie in den letzten Jahren eine
Reihe großer Aufgaben ausgeführt, die für die Ent-
wicklung der modernen Baukeramik bahnbrechende
Bedeutung erlangt haben. Zu den größten dieser
Arbeiten gehören u. a. das Schwimmbad im Admi-
ralsgarten zu Berlin, der Lebensmittelraum im Kauf-
haus von A. Wertheim in Berlin, die Eingangshalle
der FreiburgerUniversität (von Hermann Billing),die
Innen- und Außenverkleidung für die Station Hafen-
tor der Hamburger Hoch- und Untergrundbahn usw.
Diese Beispiele genügen, um den Kreis der Ver-
wendungsmöglichkeiten,die sich aus den verschieden-
artigsten Bedürfnissen der modernen Raumkunst
ergeben, zu umschreiben. Vom praktischen Stand-
punkt kommen dabei natürlich in erster Reihe die
Aufgaben in Betracht, für die die technischen Eigen-
schaften des Materials vor allem ins Gewicht fallen.
Es sind Räume, die der Feuchtigkeit und dem Schmutz
besonders ausgesetzt sind und die zugleich hohe
Anforderungen an dieSauberkeit stellen: also nament-
lich Baderäume u. dergl. Eine besondere Gruppe
bilden darunter die Räume, in denen Lebensmittel
in irgend einer Form feilgeboten werden, in denen
also der Eindruck des Einladenden, Appetitlichen,
unter Umständen auch des Gemütlichen, Wohn-
lichen vorherrschen soll: es sind das eigentliche
Verkaufsräume, Konditoreien, Cafes u. dergl. Ein
Spezialgebiet dieser Art hat sich die Großherzogliche
 
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