H ^ber Alfons Paquet.
Ich habe
Mein Leben eingesetzt, die Erde zu bezwingen und
in ailen Fugen
Sie auszuforschen und zu deuten wie ein Bote und
Kundschafter
Von cinem andern Stern. . . (Paquet.)
Ein Pathetiker der Verschlossenheit. Ein Romantiker
der Sachlichkeit. Ein Asket im Komischen.
Vor allem aber: eine Persönlichkeit. Wieviel Köpfe
gibt es sonst gegenwartig in unserer Literatur, die durch
ihre menschliche Einzigartigkeit, ihre agitatorisch wirken-
den Persönlichkeitswerte, ihre überzeugungen hervor-
ragen und erst in zweiter Linie durch ihre ästhetischen
Eigenschaften? Etwa Dehmel, auch vielleicht Hermann
Hesse, auch vielleicht Werfel. Wer sonst noch? Paquet
ist Held Namenlos, der Rastlose, der Weltgierige, der
Schasfens- und Erlebnishungrige, ein Gegenwarts-
mensch, kenntnisreich und erfahren in volkswirtschaft-
lichen und völkerkundlichen Fragen, in der ganzen Welt
zu Hause, im Fabriksaal und der Redaktionsstube, im
Asyl, auf der Lokomotive der sibirischen Eisenbahn, unter
den Volksmassen der Millicnenstädte, in Rußland und
Ostasien, in Paris und am Rheiy, umsichtig und unter-
nehmnungslustig, nüchtern beobachtend mit dem Blick
für das Wesentliche. Jnnerste Herzensdinge sind sür
ihn Privatangelegenheiten, er konstatiert sie nur; aber
wo er sich für etwas einsetzt, tut er es mit Eifer und
Leidenschaft. Er ist der Typ eines neuen Auslands-
deutschen: tüchtig, aber bescheiden stolz, ohne patriotische
Prüderie und dennoch seines Volkstums sich bewußt.
Er ist verschlossen wie ein Mönch. „Der Fremde" heißt
das erste Wort in den „Erzählungen an Bord". Jn allen
Büchern Paquets kehrt er wieder: dieser Fremdling,
dieser Abseitige, der verschwiegene Gast, der in sich Ein-
same mitten auf der froh bewegten, grenzenlosen,
drängenden Erde. Feierlich und ins Jnnere gerichtet
wie ein Buddhist, drängen seine Sympathien nach Osten,
zu den Anspruchslosen und Beharrlichen, den Fanatikern
und Duldern.
* -i-
*
Trotz der Anzeichen einer allgemeinen religiösen Er-
neuerung ist es heutzutage ungewöhnlich, daß sich ein
Jntellektueller — ohne eklektizistische Arroganz — zu
einem schlichten, harten Glauben bekennt, der in sich
jede Jntellektualität ausschaltet. Dichtertum ist immer
Priestertum (mag es auch bejahend oder zersetzend den
Dingen der Welt gegenüberstehen), es lebt in der sitt-
lichen Ehrfurcht vor dem Lebendigen und der Jnbrunst
des Weltgefühls. Aber nur zufällig fügt sich die llber-
zeugung eines Dichters in das kirchliche Dogma der Masse.
Die Gesinnungstreue, mit der Paquet cintritt für den
Pietismus, den Glauben seiner Väter, ist wesentlich
an diesem nüchternen Romantiker und seiner unange-
kränkelten, geraden Gediegenheit.
Seine beiden während des Krieges erschienenen
Bücher sind erfüllt von einem eigenartigen religiös-
politischen Jdealismus, der in „Palästina" noch zaghafter
und im „Kaisergedanken" kühn und entschieden hervor-
tritt. Das Palästinabuch: ein sachlicher Uberblick über
den christlichen und jüdischen Aionismus, über die welt-
politische Bedeutung des heutigen Palästina, farbige
Betrachtungen und mystische Andachten an den biblischen
Orten. Wie freundlich und bezeichnend ist die Widmung!
„Dem Andenken des guten und getreuen Christen, der
im Sonntagsrock, die Bibel im Arm und mit einem
kleinen Strauß Maiblumen, die Reise antrat zu seinem
Seligmacher, gewidmet von seinem Sohn. Desgleichen
gewidmet dem andern Vater, dem Maler Wilhelm
Steinhausen, in dessen Werkstatt auf der alten Burg
im Hunsrück die Niederschrift begonnen wurde." — Das
andere Buch, „Der Kaisergedanke": geschlossener als das
Palästinabuch, überschwenglich, aber hinreißend in dem
Fichteschen Ausmaß der Gedanken, ein Fazit von Er-
fahrungen und Erkenntnissen, ein Weckruf für ein neu
durchgeistigtes Christentum und ein bedeutsameres
deutsches Kaisertum und beider Führerschaft in der Welt
nach der Lösung des europäisch-asialischen Problems.
Solche Bücher, die entzünden sollen und zwischen die
zerspaltenen Mcinungen der Menschen treten, können
leicht Andersdenkende verlctzen. Aber die asketische
Parteilosigkeit dieses verschlossenen Wellfahrers hat den
Schwung der Gedanken weise und einsichtig gezügelt.
*
Alfons Paquet ist imstande, seitenlang trockene Tat-
sachen und nackte Aahlen zu berichten. Ein Reporter —
vermutet man zuerst. Aber schon die künstlerische Struktur
solcher kunstfernen Abhandlungen, die besondere Art
der Gesichtspunkte und die warme Anteilnahme am
Gegenstand, die Jnnerlichkeit und Besonnenheit, ver-
raten, daß hinter der anscheinend nüchternen Sachlich-
keit doch mehr wirkt als nur ein journalistisches Talent.
Dazu stehlen sich hie und da auch kleine Beobachtungen
zwischendurch, Jmpressionen, die eindringlich sind wie
Gedichte in Prosa, kleine, nebensächliche Episoden und
Jntimitäten. Da fühlt man schon den Dichter. Ganz
hervor tritt er gewöhnlich am Cchluß der einzelnen
Abschnitte und Kapitel. Da faßt er die lose hingcworfenen
Fädcn zusammen, da sprüht er plötzlich auf voll Pathos
in einem Gefühl oder Gedanken. Gerade diese leiden-
schaftliche Pointierung, das Aufsparen, die Aurückhaltung
und das plötzliche auf Wirkung berechnete Ausammen-
ballen der Asfekte ist eigentümlich für den künstlerischen
Formwillen. Merkwürdig ist, wie eng kühles Reporter-
tum und romantisches Dichtertum im Wesen dieses
Dichters, der zurzeit für die Frankfurter Aeitung in
Moskau ist, verquickt sind; aus der einen Seite: der
Trieb dabei zu sein, wo etwas geschieht, sich umzusehen,
wo etwas Ungewöhnlichcs zu sehen ist, und Stellung
zu nehmen zu den Fragen des Tages; auf der andern
Scite: der Mangel an spekulativer Gewitztheit, die
starken persönlichen Eigenwerte, die rückhaltlose Wahr-
haftigkeit vor sich selbst — die für einen Künstler un-
umgänglich, aber einem Tagesschriftsteller nicht immer
nützlich ist — und der seelische Tiefgang. Die harmonische
Mischung dieser entgegengesetzten Eigenschaften hat
eines der seltenen Bücher ergeben, die bestimmend
sein können wie Naturereignisse, die ohne Vorbilder
sind und einzigartig bleiben wie z. B. Winckelmanns
Schriften zur Antike, Humboldts „Kosmos" und Burck-
z
,///
ii
Ich habe
Mein Leben eingesetzt, die Erde zu bezwingen und
in ailen Fugen
Sie auszuforschen und zu deuten wie ein Bote und
Kundschafter
Von cinem andern Stern. . . (Paquet.)
Ein Pathetiker der Verschlossenheit. Ein Romantiker
der Sachlichkeit. Ein Asket im Komischen.
Vor allem aber: eine Persönlichkeit. Wieviel Köpfe
gibt es sonst gegenwartig in unserer Literatur, die durch
ihre menschliche Einzigartigkeit, ihre agitatorisch wirken-
den Persönlichkeitswerte, ihre überzeugungen hervor-
ragen und erst in zweiter Linie durch ihre ästhetischen
Eigenschaften? Etwa Dehmel, auch vielleicht Hermann
Hesse, auch vielleicht Werfel. Wer sonst noch? Paquet
ist Held Namenlos, der Rastlose, der Weltgierige, der
Schasfens- und Erlebnishungrige, ein Gegenwarts-
mensch, kenntnisreich und erfahren in volkswirtschaft-
lichen und völkerkundlichen Fragen, in der ganzen Welt
zu Hause, im Fabriksaal und der Redaktionsstube, im
Asyl, auf der Lokomotive der sibirischen Eisenbahn, unter
den Volksmassen der Millicnenstädte, in Rußland und
Ostasien, in Paris und am Rheiy, umsichtig und unter-
nehmnungslustig, nüchtern beobachtend mit dem Blick
für das Wesentliche. Jnnerste Herzensdinge sind sür
ihn Privatangelegenheiten, er konstatiert sie nur; aber
wo er sich für etwas einsetzt, tut er es mit Eifer und
Leidenschaft. Er ist der Typ eines neuen Auslands-
deutschen: tüchtig, aber bescheiden stolz, ohne patriotische
Prüderie und dennoch seines Volkstums sich bewußt.
Er ist verschlossen wie ein Mönch. „Der Fremde" heißt
das erste Wort in den „Erzählungen an Bord". Jn allen
Büchern Paquets kehrt er wieder: dieser Fremdling,
dieser Abseitige, der verschwiegene Gast, der in sich Ein-
same mitten auf der froh bewegten, grenzenlosen,
drängenden Erde. Feierlich und ins Jnnere gerichtet
wie ein Buddhist, drängen seine Sympathien nach Osten,
zu den Anspruchslosen und Beharrlichen, den Fanatikern
und Duldern.
* -i-
*
Trotz der Anzeichen einer allgemeinen religiösen Er-
neuerung ist es heutzutage ungewöhnlich, daß sich ein
Jntellektueller — ohne eklektizistische Arroganz — zu
einem schlichten, harten Glauben bekennt, der in sich
jede Jntellektualität ausschaltet. Dichtertum ist immer
Priestertum (mag es auch bejahend oder zersetzend den
Dingen der Welt gegenüberstehen), es lebt in der sitt-
lichen Ehrfurcht vor dem Lebendigen und der Jnbrunst
des Weltgefühls. Aber nur zufällig fügt sich die llber-
zeugung eines Dichters in das kirchliche Dogma der Masse.
Die Gesinnungstreue, mit der Paquet cintritt für den
Pietismus, den Glauben seiner Väter, ist wesentlich
an diesem nüchternen Romantiker und seiner unange-
kränkelten, geraden Gediegenheit.
Seine beiden während des Krieges erschienenen
Bücher sind erfüllt von einem eigenartigen religiös-
politischen Jdealismus, der in „Palästina" noch zaghafter
und im „Kaisergedanken" kühn und entschieden hervor-
tritt. Das Palästinabuch: ein sachlicher Uberblick über
den christlichen und jüdischen Aionismus, über die welt-
politische Bedeutung des heutigen Palästina, farbige
Betrachtungen und mystische Andachten an den biblischen
Orten. Wie freundlich und bezeichnend ist die Widmung!
„Dem Andenken des guten und getreuen Christen, der
im Sonntagsrock, die Bibel im Arm und mit einem
kleinen Strauß Maiblumen, die Reise antrat zu seinem
Seligmacher, gewidmet von seinem Sohn. Desgleichen
gewidmet dem andern Vater, dem Maler Wilhelm
Steinhausen, in dessen Werkstatt auf der alten Burg
im Hunsrück die Niederschrift begonnen wurde." — Das
andere Buch, „Der Kaisergedanke": geschlossener als das
Palästinabuch, überschwenglich, aber hinreißend in dem
Fichteschen Ausmaß der Gedanken, ein Fazit von Er-
fahrungen und Erkenntnissen, ein Weckruf für ein neu
durchgeistigtes Christentum und ein bedeutsameres
deutsches Kaisertum und beider Führerschaft in der Welt
nach der Lösung des europäisch-asialischen Problems.
Solche Bücher, die entzünden sollen und zwischen die
zerspaltenen Mcinungen der Menschen treten, können
leicht Andersdenkende verlctzen. Aber die asketische
Parteilosigkeit dieses verschlossenen Wellfahrers hat den
Schwung der Gedanken weise und einsichtig gezügelt.
*
Alfons Paquet ist imstande, seitenlang trockene Tat-
sachen und nackte Aahlen zu berichten. Ein Reporter —
vermutet man zuerst. Aber schon die künstlerische Struktur
solcher kunstfernen Abhandlungen, die besondere Art
der Gesichtspunkte und die warme Anteilnahme am
Gegenstand, die Jnnerlichkeit und Besonnenheit, ver-
raten, daß hinter der anscheinend nüchternen Sachlich-
keit doch mehr wirkt als nur ein journalistisches Talent.
Dazu stehlen sich hie und da auch kleine Beobachtungen
zwischendurch, Jmpressionen, die eindringlich sind wie
Gedichte in Prosa, kleine, nebensächliche Episoden und
Jntimitäten. Da fühlt man schon den Dichter. Ganz
hervor tritt er gewöhnlich am Cchluß der einzelnen
Abschnitte und Kapitel. Da faßt er die lose hingcworfenen
Fädcn zusammen, da sprüht er plötzlich auf voll Pathos
in einem Gefühl oder Gedanken. Gerade diese leiden-
schaftliche Pointierung, das Aufsparen, die Aurückhaltung
und das plötzliche auf Wirkung berechnete Ausammen-
ballen der Asfekte ist eigentümlich für den künstlerischen
Formwillen. Merkwürdig ist, wie eng kühles Reporter-
tum und romantisches Dichtertum im Wesen dieses
Dichters, der zurzeit für die Frankfurter Aeitung in
Moskau ist, verquickt sind; aus der einen Seite: der
Trieb dabei zu sein, wo etwas geschieht, sich umzusehen,
wo etwas Ungewöhnlichcs zu sehen ist, und Stellung
zu nehmen zu den Fragen des Tages; auf der andern
Scite: der Mangel an spekulativer Gewitztheit, die
starken persönlichen Eigenwerte, die rückhaltlose Wahr-
haftigkeit vor sich selbst — die für einen Künstler un-
umgänglich, aber einem Tagesschriftsteller nicht immer
nützlich ist — und der seelische Tiefgang. Die harmonische
Mischung dieser entgegengesetzten Eigenschaften hat
eines der seltenen Bücher ergeben, die bestimmend
sein können wie Naturereignisse, die ohne Vorbilder
sind und einzigartig bleiben wie z. B. Winckelmanns
Schriften zur Antike, Humboldts „Kosmos" und Burck-
z
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ii