Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 5.1910

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BESPRECHUNGEN. 125

bracht hat? Zunächst und ganz allgemein: eine Verpöbelung des Kunstlebens.
Kunsterzeugnisse werden in den Kreis von Spekulationsobjekten hineingezerrt. Eine
Atmosphäre entwickelt sich, in der die Anschauung gedeiht, daß die Kunst Luxus
ist. Jene Tatsache beweist weiterhin, daß historische Werte vor den künstlerischen
bevorzugt werden. Nur ein ganz geringer Teil der antiquarischen Kunstschätze
spricht für den lebendigen Menschen noch eine lebendige Sprache. Die Mehrheit
ist Objekt der Wissenschaft geworden. Kunst- und Kulturgeschichte ziehen aus
ihnen ihre Schlüsse. Nur zweierlei Stätten gibt es, wo sie an ihrem Platz sind:
entweder das ursprüngliche historische Milieu, das als Ganzes Phantasieanregungen
ausstrahlt, oder die wissenschaftlichen öffentlichen Institute, die Museen.

Die Bevorzugung historischer Werte vor lebendigen künstlerischen Werten, die
ein persönliches Verhältnis verlangen, ist das Symptom einer ausgebreiteten Ge-
schmacksunsicherheit und verrät einen Mangel an Selbständigkeit des künstlerischen
Verständnisses. Die Unbestreitbarkeit des historischen Wertes muß auf alle Fälle
den bestreitbaren künstlerischen Wert decken. Jene ausschweifende Schätzung alten
Kulturgutes bedingt ferner naturgemäß eine Verminderung und Ablenkung des
Interesses für das lebendige Kunstschaffen. Die in den Generationen immer wieder
aufquellenden Versuche schöpferischer Lebensgestaltung begegnen der Gleichgültig-
keit. Zugleich aber weist dieser Umstand hin auf eine Ermattung und Schwäche
des schöpferischen Geistes selbst.

Die Verpflichtung des Reichtums kann es demnach doch wohl nicht sein, eiteln
Sport mit historisch gewordenen Kulturwerten zu betreiben, sondern es erwächst
ihm die Aufgabe, wenn er schon Neigungen für die Kunst in sich entdeckt, die
ästhetischen Gefühle gewissenhaft zu kultivieren und sie an Erzeugnissen und Be-
strebungen der lebendigen Gegenwart zur Geltung zu bringen. Allerdings ist es
nicht gerade eine Bequemlichkeit, ein gewisses kulturelles Verantwortlichkeitsgefühl
zu hegen und sich fruchtbarem Mäcenatentum zu widmen.

Friedenau. Theodor Poppe.

Kornel Jaskulski, Der Symbolismus Böcklins. (Sonderabdruck aus dem
Jahresberichte des k. k. I. Staatsgymnasiums in Czernowitz für das Schuljahr
1908 1909.) Verlag von H. Pardini (T. u. A. Engel), Czernowitz 1909. 8°.
36 S.

Mit Böcklin geht es uns heute, wie mit den Klassikern im Gymnasium: er wird
uns systematisch verekelt, und zwar von denen, die seinen Namen stets wie einen
Schlachtruf im Munde führen. Als der Typus des Genies wird er uns hingestellt,
als lauterster Verkünder echt germanischen Fühlens, kurz als Verkörperung jeglicher
Hoheit und Größe. Auf diesen Ton ist auch die vorliegende Schrift gestimmt: »Das
germanische Naturgefühl hat durch niemand eine solche Vertiefung und Verinner-
lichung erfahren, wie durch Goethe und Böcklin.« »Böcklin erhebt sich nicht nur
über die Romantik, sondern über alle Kunstrichtungen zur Größe einer vielleicht
den ganzen Inhalt aller künftigen Kunstprobleme umfassenden Kunstanschauung.«
Die meisten belächeln heute etwas mitleidig Winckelmann, weil er die griechische
Kunst als allein selig machendes, unerreichbares Ideal hinstellte, dem nachzueifern
des Künstlers höchste Aufgabe sei. Aber die Kunst der Griechen ist wenigstens
die Kunst eines ganzen Volkes und erstreckt sich durch Jahrhunderte; um wieviel
irriger ist es, dem Werk einer einzigen Persönlichkeit auch nur annähernd diesen
Rang einräumen zu wollen!

Es müßte geradezu mit das eifrigste Bemühen des Ästhetikers und Kunst-
forschers bilden, unseren Blick möglichst zu weiten und nicht auf eine beschränkte
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