Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 5.1910

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286 BESPRECHUNGEN.

seien nichts anderes als Ausdruck des Allgemein-Menschlichen, so ist weiter zu
untersuchen, worin dieser »Ausdruck« besteht, denn jedenfalls macht er die Be-
sonderheit des Ästhetischen aus, da von allgemein-menschlichen Werten auch die
Wissenschaft handelt, z. B. die Ethik.

Als größter Künstler gilt unserem Verfasser derjenige, dem es gelingt, den
»tiefsten und umfassendsten Ausdrucki zu geben; auch das klingt recht unbestimmt:
handelt es sich hierbei darum, einen Stoff in eindringlichster und umfassendster
Weise zur Darstellung zu bringen, oder um die Wahl eines möglichst erhabenen
Gehaltes? Vielleicht wäre beides zu vereinen; meine Sache ist es hier nicht, eine
Entscheidung zu fällen; ich möchte nur andeuten, daß Kutschers »Grundsteine«
doch etwas wacklige Stützen abgeben. Allerdings sucht er eine nähere Bestimmung
zu geben, indem er sagt: »In der ursprünglichen Wiedergabe des Reinmenschlichen
liegt alles, und wenn nur Kraft und Fülle da ist, so ist im Kunstwerk alles übrige
Folge und Begleiterscheinung: ganz besonders das Sittliche«. Wir hörten ja, das
Allgemein-Menschliche sei eben das Sittliche, und jedes Kunstwerk habe daher
seiner Natur nach eine sittliche Wirkung. Danach könnte man also den obigen
Satz auch umdrehen: aber ich glaube, unser Verfasser würde sich sehr dagegen
sträuben, allerdings mit Unrecht, denn die Folgerung liegt in der konsequenten
Fortführung seiner Gedanken. Und dann: was bedeuten hier »Kraft und Fülle«?
handelt es sich hierbei um Form- oder Gehaltsprinzipien? um psychologische Wir-
kungsmomente oder um gegenständliche Festsetzungen?

Vielleicht dringt man tiefer in Kutschers ästhetische Anschauungen, wenn man
bedenkt, daß er -der Angemessenheit von Form und Inhalt, also der Harmonie«
keine tiefere Bedeutung beimißt, »denn der Ausdruck überhaupt ist das Wichtige«.
Dagegen erlaube ich mir nur einzuwenden, daß ein nicht restlos formal bewältigter
Inhalt ästhetisch als Gedankenkunst nicht befriedigt, ebenso wie Form mit mangeln-
dem Inhalt zur Oberflächlichkeit des Virtuosentums führt. Also einen gewissen Zu-
sammenklang wird man als notwendige Wirkungsbedingung schon ansehen müssen,
mag man auch ruhig zugeben, daß diese Harmonie allein noch die Gewähr für kein
großes Kunstwerk bietet, denn es kommt zweifellos darauf an, was harmoniert.
Aber ohne diese Angemessenheit wird auch schwerlich ein großes Kunstwerk ent-
stehen, höchstens geniale Trümmer, die den Stempel der unvollendeten Studie an
sich tragen. Verstehen wir unter Form die Gesamtheit der Mittel, den Gehalt zum
Ausdruck zu bringen, unter Gehalt eben das Auszudrückende, so ergibt sich die
Forderung nach der Harmonie von Form und Gehalt von selbst.

Mit anerkennenswerten Ausführungen über Kunsterziehung und den Beruf des
Kritikers schließt der Vortrag; in diesen Darlegungen, in denen es sich nicht um
Grundfragen handelt, bewährt sich der künstlerische Feinsinn des Verfassers. Noch
einige Bemerkungen in formaler Hinsicht seien mir gestattet. Die Schrift zeigt zu
sehr Münchner Lokalton; denn nur er erklärt die sonderbare Zusammenstellung:
Schiller, Hebbel, Halbe, Wedekind. Anderwärts würde man wohl darüber lächeln,
daß diese vier Namen als Beispiele für Autoren »großer dramatischer Gebilde« in
einem Atem genannt werden. Ebenso münchnerisch klingt es, wenn Kutscher sagt:
»der Kritiker sollte ein breites Lebensgefühl haben und — ich scheue mich nicht
die Worte zu gebrauchen — ein gesundes und normales«. Außerhalb München-
Schwabings gehört gar kein Mut zu dieser eigentlich selbstverständlichen Behaup-
tung. Ferner stören die vielen Zitate, denn in einem Vortrage kommt es ja vor-
nehmlich darauf an, die Meinung des Autors kennen zu lernen, und nicht die Mei-
nungen zahlreicher Persönlichkeiten.

Prag. Emil Ulitz.
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