Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 5.1910

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BESPRECHUNGEN. 6Q3

danken in der Kindesseele das Ziel. Wie wird der Mann im Kind geboren? Und
doch ist (S. 143) »die Psychologie des Erwachsenen die Voraussetzung der Kinder-
psychologie, nicht etwa umgekehrt«. Aber operiert nicht unsere Psychologie — mit
oder ohne »Seele« — mit einem Begriff des seelischen Lebens, der eben durch die
Begründung auf die entwickelte Technik des praktisch denkenden und handelnden
Menschen das Verständnis für die kindliche Zwecklosigkeit noch erschwert?
Berlin.

Richard M. Meyer.

Philipp Witkop, Die neuere deutsche Lyrik. I. Band. Leipzig und Berlin
1910, B. G. Teubner. Von Friedrich v. Spee bis Hölderlin. 8°. 366 S.

W. Scherer schloß die Anmerkungen seiner Literaturgeschichte mit den be-
rühmten, oft angeführten Worten: »Zwischen Philologie und Ästhetik ist kein Streit,
es sei denn, daß die eine oder die andere oder daß sie beide auf falschen Wegen
wandeln.« In unseren Tagen wird der Philologie wieder heftig von Seiten der
Ästhetik der Prozeß gemacht; wir haben mindestens keinen Grund zu der Annahme,
daß nur wir auf falschen Wegen wandeln. Und das vorliegende Buch, ein Werk
von durchaus symptomatischer Haltung, läßt uns fast glauben, daß dort vielmehr die
Ästhetik zu finden sei, oder, richtiger gesagt, die Ästhetiker.

Doch auch dies Wort ist noch einzuschränken. Die Personalunion zwischen
Ästhetik und Philologie wird auch heute noch vielfach mit glücklichem Erfolg ver-
treten — es genügt, den gerade jetzt mit vollstem Recht so häufig programmatisch
genannten Namen Wilhelm Diltheys anzuführen. Aber wie wir es nicht leugnen
können, daß wir recht unästhetische Nurphilologen besitzen, so gibt es auch gar
zu unphilologische Nurästhetiker. Man möchte bisweilen an das schlimme Wort
erinnern, das Herman Grimm zugeschrieben wurde: es gebe zweierlei Goethe-
philologen: solche die nichts von der Philologie verständen (wie Loeper) und solche
die nichts von Goethe verständen (wie Düntzer).

Philologie ist die Wissenschaft von der Sprache und ihrer kunstmäßigen Ver-
wendung. Eine eingehende Kenntnis dieser Entwicklungen scheint mir für das
Verständnis der Evolution literarischer Gattungen allerdings unentbehrlich. Bei Wit-
kop hat man den Eindruck, als solle jene einleitende Kanonade gegen textkritische
und biographische Methode, die ein unvermeidliches Prunkstück neuerer Schriften
aus dem Lager der Ästhetik zu bilden beginnt, nur eine mangelnde Vertrautheit
mit den Grundlagen der Darstellung decken — denn so gewiß der Verfasser sich
in die lyrischen Dichtungen mit lebhaftestem Anteil und geistreicher Belebung ein-
gelesen hat, so sicher fehlt ihm eine breite Anschauung der Lebensbedingungen
jener Poesien. Wie wäre es sonst möglich, daß er sein Steckenpferd, die »ständi-
sche« Periodisierung der literarischen Entwicklung, so rücksichtslos über alle Tat-
sachen hinwegjagte? Da muß das Volkslied »Bauernlied« sein, und mit dieser
grundfalschen Behauptung wird wie mit einer feststehenden Tatsache gerechnet;
oder das Kirchenlied heißt »Dichtung der Geistlichen«, als ob unter deren selbst-
verständlicher Führung nicht eine breite Gesamttätigkeit der Gelehrten und des
Landadels, der Fürstinnen und der Handwerker geblüht hätte! Verträgt sich dieses
Hineintragen äußerer Gesichtspunkte schon schlecht genug mit den großen Epochen
— für die es nach Dr. Henry Sumner Maine schon Posnett versucht hat —, so scheitert
es naturgemäß völlig in dem engen Rahmen der deutschen Literaturgeschichte.
> Tant pis pour ks faits.< Der Theorie zu Ehren wird behauptet, kein älterer Lyriker
habe sich »zum unmittelbaren, notwendigen Ausdruck der Persönlichkeit durch-
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