Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 20.1926

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I.

Philosophie und Ästhetik.
Ein Versuch.

Von

Hermann Glockner.

»Jeder der Teile der Philosophie ist ein philosophisches Ganzes, ein sich
in sich selbs» schließender Kieis, aber die philosophische Idee ist darin
in einer oesonde en > estimmtheit der Flemente.c

»Die Vo: suliung der Einteilung hat daher das Unruhige, daß sie die be-
sonderen Teile oder Wissensciiaften nebeneinander hinstellt < Hegel.

1.

Philosophie ist die Wissenschaft von der unendlichen
Problematik der Welt.

»Welt« ist das was uns allen gemeinsam ist als die unendliche
Fülle möglichen Erlebens, möglicher Gefühle, möglicher Gesichte, mög-
licher Erkenntnisse. Wir werden in sie hinein geboren, wir finden uns
in ihr vor und sehen und denken und staunen und sinken zurück in
ein Dunkel, aus dem wir gekommen sind und von dem wir nichts
wissen. Denn: Wissen ist eine Art und Weise »Welt« zu bearbeiten;
es erfaßt im unbestimmten All den bestimmten Gegenstand. Jenseits
von »Welt überhaupt« verliert es seinen Sinn, aber auch innerhalb der
Welt muß es in jedem Augenblick und an jeder Stelle auf das All
verzichten. Es hat immer nur über ein »Stückwerk« Macht, das es
aus der ungewußten Fülle unendlicher Möglichkeiten herausbegreift
und erkennt. So kommt es, daß uns Wissenschaft, d.h. die Summe
des Wissens mit dem ewigunerfüllbaien Ideal der Allheit, überall als
Einzel Wissenschaft entgegentrat. Sie ergreift ein »Stück Welt« als
ein problemhaltiges Material und gelangt zu objektiven überindividuell-
geltenden Gesetzen, indem sie es aufzeigt seinem Inhalt nach, um-
schreibt seiner Form nach, zergliedert seiner Struktur nach. Aber alle
die so gewonnenen Erkenntnisse betreffen ein Vorletztes, betreffen
Dinge, die sich bereits irgendwie »in der Welt« befinden, geradeso
wie wir selber. Mit der Erkenntnis des Vorletzten als Vorletztes, des
Stückwerks als Stückwerk erwacht die philosophische Idee. Philosophie
stellt die Frage nach der Welt als Welt.

Diese Welt ist uns sicherer Besitz, insoferne wir in ihr leben und
weben, dumpf und unbewußt, eins mit Allem, jenseits von Frag' und

Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. XX. 1
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