Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 20.1926

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II.

Vorarbeiten zu einer Philosophie des Stils1).

Von

Friedrich Kainz.

I. Normativer und deskriptiver Stilbegriff.

Alle Stilfragen sind eminent ästhetische Fragen2) und gehören da-
her von vornherein in den Kreis axiologischer Problematik. Abgesehen
von diesem gewissermaßen apriorischen Wertsinn, der allen Stilfragen
eignet, lassen sich jedoch bestimmte Verwendungsweisen des Stilbegriffs
hervorheben, in denen das Wert- und Normmoment eine besonders
betonte Rolle spielt, während es bei anderen Bedeutungsnuancen fast
völlig zurücktritt. Wenn ein Musikhistoriker von »strengem, gebundenem
Stil« (»stile osservato«) oder vom ^stile sueto«, dem »freien Stil« spricht,
wenn ein Literarhistoriker die Ausdrücke »epischer«, »lyrischer«, »dra-
matischer Stil« gebraucht und ein Kunstwissenschaftler ein Bauwerk
als im »gotischen« oder »Barockstil« geschaffen bezeichnet, so ist in
all diesen Fällen wohl etwas über die Art der Formbestimmtheit des
Werks, über den Modus seiner Erscheinungsform, nichts aber über

*) Die im folgenden publizierte Untersuchung ist ein Bruchstück aus einer seit
längerer Zeit vorbereiteten Monographie über den Stil. Daß eine eingehende Er-
örterung der hierhergehörenden Probleme trotz dankenswerter wissenschaftlicher
Leistungen (Utitz, Wallach u. a.) noch immer nötig ist, wird wohl niemand bestreiten,
der die allgemeine Verwirrung bedenkt, die gerade hinsichtlich dieser Fragen auf
den einzelkunstwissenschaftlichen Gebieten, aber auch in der Ästhetik herrscht. Iden-
tische Phänomene werden mit den verschiedensten Begriffen benannt, Wesensver-
schiedenstes wird terminologisch zusammengeworfen. Es scheint, als redeten die
einzelnen Kunstwissenschaftler verschiedene Sprachen, die ihnen eine Verständigung
und ein gemeinsames gedeihliches Arbeiten unmöglich machen. Hier ist es nun
Aufgabe des Philosophen, klärend einzugreifen und durch ein Zuendedenken der
Probleme zu verbindlichen Lösungen zu gelangen, die von allen Einzelkunstwissen-
schaften übernommen werden können.

2) Die außerästhetischen Verwendungsweisen des Begriffs »Stil« sind für uns
belanglos, da das Wort schon in frühester Zeit auf ästhetischem Gebiet heimat-
berechtigt war und die außerästhetischen Verwendungen meist metaphorische Ana-
logien zu den ästhetischen aufweisen. Eine gute Übersicht über sie gibt R. W.Wal-
lach, Über Anwendung und Bedeutung des Wortes Stil. Diss. Würzburg 1919,
S. 21 ff.
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