Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 20.1926

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Bemerkungen.

Möglichkeiten des Enjambements.

Von

Kurt Oppert.

Was wir mit dem Namen »Enjambement« bezeichnen, der aber in deutscher
Zunge so unaussprechlich häßlich klingt, daß ich ihn lieber mit »Verskoppel« über-
setze, ist praktisch kein einheitliches Gebilde. Es widerstreiten sich in ihm zwei
Prinzipien: Der Vers ist zu Ende und verlangt, daß er vom nächsten durch eine
Pause deutlich merkbar getrennt werde, der Satz aber ist noch nicht geschlossen
und wehrt sich gegen eine Einkerbung, die in seinem Verlauf sinnwidrig erscheint.
Es fragt sich, wie beim Lesen zu verfahren sei: Soll das Gesetz des Verses oder
das des Satzes geopfert oder kann zwischen beiden vermittelt werden?

Sicher läßt sich eine unbedingte Antwort, losgelöst von aller Praxis und Sonder-
art des Einzelfalles, nicht erteilen. Es ist möglich, daß ein Dichter durchgängig ein-
heitliche Weise zu lesen verlangt, indem er so seiner Sprache ein für allemal, un-
abhängig vom zufälligen Inhalt, einen bestimmten Charakter aufzuprägen wünscht.
Bei jener Art organischen Gedichtes aber, wo alle gestaltlichen Verhältnisse sich
dem Gehaltlichen fügen und schmiegen, wo das Äußerlich-Sinnliche mit dem Inner-
lich-Sinnhaften sich deckt, da wird eben der Sinncharakter es sein, der entscheidet;
auch dann, wenn er sich scheinbar gegen sich selbst und seinen eigenen unmittel-
baren Ausdruck im Wortgefüge wendet, d. h. wo er den grammatisch sinngemäß
einheitlichen Ablauf des Satzes zugunsten des rhythmisch-formalen Versgesetzes zu
zerstören bestimmt. Denn immer sollte diese Zerstörung des Satzganzen in der Be-
deutung des Satzes selber, dem Sinn im höheren als syntaktischen Sinne, gerecht-
fertigt und begründet liegen. Dann wirkt die Regelwidrigkeit der Verskoppel nicht
als Behelf oder Spielerei; im Gegenteil: die dichterische Freiheit wird zur dichte-
rischen Feinheit, vor allem, wenn sie nicht als einzelner Widerspruch aus dem
Gesamt herausfällt, sondern, mehrfach auftretend, selbst wieder in ein Gesetz der
Gesetzwidrigkeit eingebunden ist: eine Erscheinung, die wir weniger im realisti-
schen Gedicht erwarten dürfen, das die Einzelheit tonmalerisch wiederzugeben liebt,
als vielmehr in der Phantasie- und Stimmungslyrik mit ihrem vorherrschenden ein-
heitlichen Grundton.

Zunächst aber am einfachsten Element ein Beispiel zu geben, das natürlich nur
die Einzelstelle berücksichtigt: Liegt das Zeilenende zwischen den Worten:

. . . Einer | Zögert . . .,
so wäre versgetreu die volle Pause einzuhalten: Indem so der Satz eine syntaktisch
unrechte Kerbe erleidet, erfahren wir deutlich den Eindruck des Stockens und
Zauderns.

Hätten wir aber die Koppel:

. . . Keiner | Zögert . ..,
so sollte der erste Vers in den andern hinübergedehnt und die rhythmisch ge-
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