Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 20.1926

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IX.

Theorie der Baukunst als reine und
angewandte Wissenschaft.

Von

Leo Adler.

1.

Die Behandlung architekturtheoretischer Fragen pflegt eine verschie-
dene zu sein, je nachdem sie von Architekten oder von Kunstgelehrten
— dieses etwas farblose Wort umfasse Vertreter der Kunstwissenschaft
aller Abstufungen — in Angriff genommen wird.

Dem Kunstgelehrten, der sein Arbeitsfeld innerhalb der Geistes-
wissenschaft umrissen sieht, kommt es vornehmlich darauf an, die
außerhalb seiner inneren Erfahrung befindlichen Bauwerke begrifflich
als unter den Bedingungen seines Bewußtseins stehend zu erfassen.
Ihm ist die Frage der Entwicklung, der Stilanalyse, der Ermittelung
bestimmter Grundbegriffe in erster Linie wichtig und muß es sein,
da das Aufsuchen und Finden dieses geistigen Bandes erst zu einer
begrifflichen Erkenntnis der Baukunst als einem ästhetisch bedeut-
samen Kultur- und Lebenswert führen kann. Ästhetische Kategorien
der Baukunst als solcher, stilistische Gemeinsamkeiten zeitlich oder
örtlich zusammengehöriger Bauwerke, individuelle Verschiedenheiten
der einzelnen Bauten usw. spielen in dieser Forschungsrichtung ihre
bedeutsame Rolle.

Der Architekt hingegen nimmt im allgemeinen die Bauwerke, denen
er Studium und theoretisches Bemühen widmet, als etwas außer ihm
real Gegebenes hin, erforscht die Veränderungen architektonischer
Gestalt- und Formgebung, prüft die von den materiellen Änderungen
her wirksam werdenden Verschiebungen des Eindrucks und — mehr
oder weniger subjektiv — die daraus entspringenden Wertverschie-
bungen in ästhetischer Hinsicht; er dringt somit wie der Naturforscher
»von außen nach innen, von der materiellen Veränderung zur geistigen
Veränderung«

Während also bei der kunstwissenschaftlichen Behandlung archi-

') Dilthey, Einleitung in die Geisteswissenschaften Bd. 1 (1883), S. 19.
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