Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 20.1926

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BEMERKUNGEN.

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dabei vom Kunstwillen ausgehen, in den es kulturhistorisch einzudringen versucht
(Jacob Burckhard u. a.) — ist es aber nicht sicherer, an Stelle des sehr mühsamen
Studiums von uns fremden Mentalitäten, an der Quelle zu trinken und umgekehrt
von den Formen auf den Willen zu schließen?

Dieser Schluß ist uns ja nicht fremd im Vergleich etwa einer Renaissancefassade
gegen eine Barockfassade, oder eines romanischen Baukörpers gegen einen gotischen.

Materialästhetisch aber finden wir nun erst einen noch viel interessanteren
Unterschied zwischen dem tektonischen Barock und der stereotomen Gotik! Das
Barock biegt wohl Säulen und Architrave, zerreißt wohl Giebel, aber die Bauglieder
selbst werden in ihrer Masse nicht beeinträchtigt. Die Gotik hingegen schneidet
daran herum. Wie sie den Raum höhlt, so schnitzt sie an den Pfeilern, profiliert
die Rippen immer zarter und hohler, vermeidet alle Kontur, stört die scharfen Grate
der Türme, indem sie Krabben darauf setzt, und erreicht so eine dem Barock ent-
gegengesetzte, jedoch gleichfalls »malerische« Wirkung. Dort war sie in ausgesproche-
nen Konturen und Flächen mit starken Farben oder Gold und Weiß gegeben, auf
die gewaltige Lichtströme von meist verborgenen Quellen fielen, hier finden wir
sie in verschwimmenden Konturen und im Aufgehen der Farben im Tone.

Die Peterskirche, steht im simultanen Blick des Beschauers als Querwand zu
den Kolonnaden des Bernini — das Straßburger Münster läßt sich suchen, und
aus Gassenhöhlungen heraus können wir es immer nur teilweise genießen. Wäh-
rend Peterskirche und Kolonnaden den Blick in der Breite und Tiefe beschäf-
tigen, klettert er am Straßburger Münster an Wimpergen, Fialen und Krabben in
schwindelnde Höhen. So mutet uns das Innere von St. Peter prächtig, das Innere
des Münsters geheimnisvoll an. Die Barockkirche holt die Heiligen zu sich herunter,
die gotische schickt unsere Seelen zu ihnen hinauf.

Bis in den Stadtbau hinein — aber auch bis in die kleinste Einzelheit kann
das Studium der Bauwerke an der Hand der hier geschilderten beiden Grundarten
des Raumschaffens führen. So einfach diese in ihrer theoretischen Fassung sind, so
unendlich ist ihre Ausbeute.

Wir müssen nur Augen haben zu sehen.

Das Musikalische in der bildenden Kunst.

Von

Max E i s 1 e r.

Es braucht nicht die Verstiegenheiten einer um jeden Preis rebellischen An-
schauung, um immer wieder auf Beziehungen zwischen Musik und Kunst — das
Wort im Sinne der bildenden Kunst verstanden — zu kommen. Vor allem die naive
Wahrnehmung empfindet gewisse Werke, namentlich solche der Malerei, melodisch
und bezeichnet ihren Eindruck auf solche Weise. Für die Ästhetik, welche die Ein-
heit aller Künste im Auge hat, sind diese Zusammenhänge besonders wichtig. Aber
auch die Kunstwissenschaft, der nichts peinlicher ist als die Verwischung der
Grenzen zwischen den einzelnen Künsten, gerät immer wieder an einen Punkt, wo
sie die Qualität eines Kunstwerkes nicht anders benennen kann als mit einem Lehn-
wort aus dem Sprachschatz der Musik.

Heißt das nur, daß sie ihren eigenen noch nicht ausreichend entwickelt hat,
daß also, was sie in solchen Fällen an Wörtern gebraucht — Ton und Akkord,
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