Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 20.1926

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Iii.

C. F. Meyers epischer Sprachstil ).

Von

Erich Everth.

C. F. Meyers erzählende Werke sind ebenso gut erzählt wie ge-
schrieben. Beides ist nicht dasselbe. Es kann etwas vortrefflich ge-
schrieben und schlecht erzählt sein (wohl auch umgekehrt geschickt
erzählt und mangelhaft geschrieben). So großen Wert nun C. F. Meyer
auf die Wortkunst legte, sie wurde ihm nie Selbstzweck, sie hatte
ihr Recht nur als Darstellung eines Inhalts, als Ausdruck. Die Sorg-
falt, die er der Sprache widmete, ist niemals in dem Grade betont,
daß der Gehalt darunter leiden könnte. Nur tritt die_Sprache bei ihm
eben nicht hinter dem Stofflichen zurück, wird nicht gleichgültiges
Mittel ohne eigenes Leben, immer gelangt sie als Werkstoff zur Gel-
tung, und Werkstoff und Stoff der Legende halten sich die Wage.
Wenn die Freude an der Form zur virtuosen Liebhaberei wird, spricht
man von Formalismus und Artistentum, Meyer aber strebte vor allem
nach sachlicher, nicht nach graziöser oder pikanter Formulierung,
getreu dem Worte Catos: >ra# teuere, verba sequentur«.. Dabei brauchen
Kontrolle und Wahl der Worte ja nicht ausgeschaltet zu sein. Doch
verschmäht Meyer eine nur stilistische Spannung, er macht nicht das
Einfache schwierig, sondern gibt, um ein Wort Wilhelm Schäfers über
die Pflichten des Erzählers anzuführen, das Schwierige einfach.

Er ist einfach, um recht klar zu sein und die Dinge reden zu
lassen. Darin gleicht er den größten Meistern des Prosastils. So ähnelt
er in seiner Knappheit Cäsar, weniger Tacitus, der die Wortkarg-
heit auf Kosten der Deutlichkeit kultiviert und oft schwer verständ-
lich wird; Cäsar dagegen schreibt soldatisch knapp, in der Art von
Befehlen, die vor allem leicht faßlich sein müssen. Dieser Stil paßt
auch zu der Gesinnung des entschlossenen und geraden Draufgehens,

!) Die Beachtung, die das Kapitel über die Sprache in meinem Buche C.F.Meyer
(1925) bei allen, die sich darüber äußerten, gefunden hat, ermutigt mich, die folgen-
den Bemerkungen über die besondere Eignung dieses Stiles für die Erzählung vor-
zulegen, obwohl sie lückenhaft sind, da ich das an jener Stelle schon Gesagte nicht
wiederholen mag.

Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. XX. 9
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