Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 20.1926

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Bemerkungen.

Die ästhetischen Kategorien.

Von

Friedrich Luther.

Ohne hier auf das Wesen des Ästhetischen und des Künstlerischen, noch auf
die Abgrenzung der bezüglichen Begriffsumfänge einzugehen, darf behauptet werden,
daß es einerseits ein Gemeinsames in allen jenen Gemütszuständen gibt, die wir
als Gefühlswirkungen naturschöner Gegenstände und jeglicher Kunstwerke in uns
erleben, und daß anderseits diese Gefühlswirkungen je nach der Struktur des wirken-
den Gegenstandes grundsätzliche Unterschiede aufweisen. Die Sprache hat diese
Unterschiede in der Bildung von gewissen Schönheitskategorien festgelegt, aber die
Wissenschaft ist bisher nicht dahin gelangt, diese Kategorien in ein begründetes
System zu fassen. Die ältere Ästhetik hat sich sogar fast ausschließlich auf die
Kategorien der Schönheit und Erhabenheit als positive Werte beschränkt und das
Komische als ein außerästhetisches Spiel oder als Negativum der Erhabenheit nur
nebenbei behandelt. Und der Aufschwung der Ästhetik seit der Romantik und ihre
Befruchtung durch die speziellen Kunstwissenschaften hat zwar eine Fülle von
Schönheitskategorien ins Licht der Wissenschaft gerückt, aber bisher fehlt die innere
Verbindung. Einen Ansatz zu einer solchen gibt allein Dessoir, der eine Art Farben-
kreis mit den Gegensatzpaaren schön und häßlich, erhaben und komisch, tragisch und
niedlich gebildet hat. Eine Ableitung der ästhetischen Kategorien aus einem gemein-
samen Grunde wird erstmalig mit dem hier vorgetragenen Gedanken versucht.

Alles Erleben ist uns in der Zeit gegeben, und unsere Zeitanschauung haftet
an der Vorstellung eines Dauernden gegenüber einem Wechsel. Aber wir stehen
dem Erleben grundsätzlich verschieden gegenüber, je ob wir den Akzent auf ein
Objekt oder auf unser Subjekt legen, ob wir ein Objekt als ein relativ Beharrendes
fühlen oder ob wir uns einem Ablauf hingeben. Die Wirkung des ästhetischen Ob-
jekts als eines relativ Beharrenden, dessen wir aufhorchend innewerden, heißt
Schönheit, die Wirkung eines ästhetischen Objekts als eines Ablaufs, in den wir
uns fortreißen lassen, gegenüber uns als relativ Retardierend-Beharrendem, heißt
Spannung. Die Sprache zwingt dabei zu einer Ungenauigkeit, indem die Schönheit
dem Objekt als solchem inhäriert, die Spannung der Aufnahme des Objekts, aber
in dieser Differenz ist auch das Beharrende des Schönheitserlebnisses und das
Fließende des Spannungserlebens sogleich gekennzeichnet. Schönheit bezieht sich
auf ein in gefühlsbetonter Apperzeption fingiertes Sein, Spannung umfaßt die affek-
tuose Erregung in der Teilnahme am Werden. Schönheit akzentuiert darum das
Formale, sei es ein Nur-Formales oder die Form des Gehalts, Spannung haftet vor-
zugsweise am Stofflichen und drängt bei reinformalen Gegebenheiten zu Intellektual-
assoziationen. Auf der Spannung beruht der Reiz. Die Vulgärterminologie unter-
scheidet nicht so scharf die Gefühle; vom Intellektuellen darf gleichwohl die Bewußt-
seinsmöglichkeit für die entsprechenden Vorgänge wohl erwartet werden.
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