Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 20.1926

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BEMERKUNGEN.

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sehen, in ihm herauf. Er sieht in dem Ahnherrn Tantalus, offenen Mundes starrend,
nur den »Hochbegnadigten der Götter, den Jupiter zu Rat und Tafel zog, an dessen
alterfahrnen, vielen Sinn verknüpfenden Gesprächen Götter selbst wie an Orakel-
sprüchen sich ergötzten.« Von einer »Schuld« dieses Ahnen fühlt er nichts und
meint, ehe er von dessen Nachkommen Näheres vernommen: wenn diese nichts
anderes verbrochen als der Urvater, so stehe es ja damit gar nicht übel. Vor allem
aber hängt seine hingerissene Bewunderung an der Persönlichkeit der Jungfrau
selbst: er verehrt sie auf Grund ihrer segenspendenden, rein menschlichen Wirk-
samkeit, die sie bisher ausgeübt, und die schamvoll-offene Art ihres gegenwärtigen
Bekennens hat diese Verehrung nur gesteigert; wie man eine zarte Rose bewundert,
die aus dornigem Gestrüpp einem entgegenschaut, so scheidet er in ungemeinem
Adel der Auffassung zwischen ihrem Geschlecht und ihrer Persönlichkeit und spricht
die adligen Worte reiner Menschlichkeit, die zeigen, daß er im Grunde kein Barbar
mehr ist: »Sage nun, durch welch ein Wunder von diesem wilden Stamme du ent-
sprangst!«

So hat Iphigenie also ihr Ziel der Abwehr bei ihm verfehlt. Die Hoheit aber,
hinter der sie sich verschanzt, weckt seinen Mannesstolz, der sich nicht verschmäht
wissen will. Noch gelassen, doch leise das heraufziehende Gewitter seiner Seele
ankündend, wiederholt er seine Werbung: »Mehr Vorzug und Vertrauen geb' ich
nicht der Königstochter als der Unbekannten.« Von da ab läßt jedes Wort der Ab-
wehr sein schweres Blut heißer aufwallen. Er glaubt seine Person verschmäht und
braust unedel gegen die Jungfrau auf.

So ist während des epischen Berichts der Konflikt, statt zu ruhen, hart gegen
hart zur vollen Entfaltung gebracht und der dramatische Fluß, statt zu verebben,
zum Strom geworden. Aber das Dramatische liegt hier weniger in den Worten, die
gesprochen werden, als in dem Spiel, den Mienen und Gebärden und dem Tonfall
der Redenden, auch in dem, was sie nicht sagen: hierin schreit das Stück geradezu
nach der — guten — Aufführung.

Hölderlins Empedokles.

Von

Ludwig von Bertalanffy.

Wie im Brennpunkt eines vielfarbig schillernden, klaren Kristalls, so sammeln
sich alle Strahlen der Geistigkeit Hölderlins im »Empedokles«. Dieses Werk, zeitlich
wie in den Kulminationspunkt des Lebens seines Autors, so auch an den Höhe-
punkt der deutschen Renaissance (und damit an den Höhepunkt der »faustischen«
Kultur) hingestellt, vereinigt in sich alle persönlichen Tendenzen Hölderlins, wie
auch die wesentlichen Tendenzen des abendländischen Kulturgeistes überhaupt und
entwirft so, mit fast mathematischer Präzision, ein verjüngtes Spiegelbild derselben.

Empedokles, der gotterfüllte Seher, ist Herr der Natur. »Man sagt, die Pflanzen
merkten auf ihn wo er wandere und die Wasser der Erde strebten herauf, da wo
sein Stab den Boden berühre und wenn er bei Gewittern in den Himmel blicke,
teile die Wolke sich und hervor schimmere der heitere Tag.«

Für die einfühlende Betrachtung Hölderlins ist die Natur ein allbeseeltes Wesen;
seine Dichtung ist die großartigste Verwirklichung, welche der antike Hylozoismus
durch den abendländischen Geist erfahren.

Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. XX. 16
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