Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 20.1926

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BEMERKUNGEN.

Renaissance, die Sonnenhöhe der Kultur, mit Notwendigkeit die Romantik — deren
verlöschendes Abendrot folgen.

So dämmert nun — zugleich mit dem Erlösungsgedanken — auch in Hölderlin-
Empedokles eine Ahnung des Endes. Nach den Ermahnungen des Manes, des
Geistes, der stets verneint, spricht der Seher das ahnungsvolle, wunderbare Wort aus;

»Und wenn, indeß ich in der Halle schwieg,
Um Mitternacht der Aufruhr weheklagt
Und durchs Gefilde stürzt und lebensmüd'
Mit eigner Hand sein eignes Haus zerbrach,
Da faßte mich die Deutung schaudernd an,
Es war der scheidende Gott meines Volks!

Noch wurden uns
Der schönen Tage viel. Noch schien es sich
Am Ende zu verjüngen; und es wich —
Der goldnen Zeit, der allvertrauenden,
Des hellen kräft'gen Morgens eingedenk —
Der Unmut mir, der furchtbare, vom Volke,
Und freie, feste Bande knüpften wir.
Doch oft, wenn mich des Volkes Dank bekränzte,
Wenn näher immer mir, und mir allein,
Des Volkes Seele kam, befiel es mich.
Denn wo ein Land ersterben soll, da wählt
Der Geist noch einen sich am End', durch den
Sein Schwanensang, das letzte Leben tönet.
Wohl ahndet' ich's; doch dient' ich willig ihm.«

Ja, Hölderlins Gesang ist das Schwanenlied unserer Kultur. Mit seltener Deut-
lichkeit spricht die angeführte Stelle des »Empedokles auf dem Ätna« das Verhältnis
des spätgeborenen Sängers zu der Revolution aus. Die bange Frage, die furcht-
bare Enttäuschung lodert auf: daß die erwartete Wiederkehr des Dionysos ein Wahn,
letzter Traum der todgeweihten Kultur sei.

Man mag diese modernen Apokalyptiker und Propheten einer Wiedergeburt der
antiken Seele: Hölderlin, Nietzsche, Ibsen, bis herauf zum modernsten: August
Vetter, vergleichen mit dem Propheten des tausendjährigen Reiches in der sterben-
den Antike. Hier wie dort wird, da die Energie der eigenen Lebensform erschöpft
ist, an die Wiedergeburt einer entgegengesetzten Lebensform geglaubt: in der zer-
fallenden, weltsinnlichen Antike an die Heraufkunft eines transzendentalen Reiches,
in der sterbenden, transzendentalen gotischen Kultur an eine Renaissance der antiken
Weltsinnlichkeit. Hier wie dort folgt auf den Traum nicht seine Erfüllung, sondern
die vollständige Zerstörung der Kultur in einer entgötterten, zivilisierten, materia-
listischen Welt.

Und darin mag man vielleicht die tiefste Ursache des Wahnsinns Hölderlins,
Nietzsches und van Goghs sehen: daß sie einsahen, daß die erhoffte Wiedergeburt
ein Wahn sei. Diese furchtbare Erkenntnis, dieses Gorgonenbild der Zerstörung
konnten sie nicht ertragen; wie ein mildtätiger, dunkler Schleier umhüllte der Wahn-
sinn ihr Haupt und befreite sie von der Qual eines todbringenden Wissens.
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