Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 21.1927

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Grundlinien einer Ästhetik
als analytisch-synthetischer Kunstphilosophie.

Von

Carl Siegel.

Bei den modernen Ästhetikern war es (im Gegensatz zu älteren Ver-
tretern wie Sulzer, Winckelmann und Hegel) bis vor kurzem üblich ge-
worden, den ihrem Wissenszweige als Lehre vom Schönen zufallenden
Gegenstand in der Kunst ebensowohl wie in der Natur zu sehen (Lipps,
Volkelt). Anderseits begann man in allerletzter Zeit die Tatsache*zu
betonen, daß die Kunstwerte nicht ausschließlich im Ästhetischen (ge-
schweige nur im Schönen) zu suchen seien, und so kam man mit Fest-
haltung des eben erinnerten Gegenstands der Ästhetik dazu, in dieser
und einer allgemeinen Kunstlehre zwei Gebiete zu sehen, die sich nur
zum Teile deckten, während jedes auf der anderen Seite darüber hinaus-
griffe (Spitzer, Dessoir, Utitz).

Kein Zweifel; richtig ist, daß die allgemeine Kunstlehre mehr um-
faßt als eine Ästhetik, da für sie auch außerästhetische Gesichtspunkte
in Betracht kommen. Aber nach der anderen Seite, sollen wir die Ästhe-
tik wirklich soweit fassen, daß sie — ich sage nicht: auch von der Kunst
unabhängig geltende Werte, wie das Naturschöne, betrachte; das muß
sie tun, aber auch —Werte als unabhängig von der Kunst betrachte? Die
Einschränkung der Betrachtung auf das künstlerisch Wirksame als Ge-
genstand der Ästhetik, wie sie Konr. Lange gefordert hat, scheint nicht
bloß als ökonomisch sich empfehlende, methodische Maßregel betrach-
tet werden zu sollen, sondern zugleich als sachlich bedingte, notwen-
dige Ein- und Feststellung. Und darnach würde sich also das Verhält-
nis von Ästhetik und Kunstlehre gerade umgekehrt stellen wie etwa
für Hegel, d. h. die erstere wäre als ganz in die Kunstlehre hineinfallendes
und zwar ihren zentralen Bestandteil bildendes Gebiet anzusehen.

Zur Stützung dieser Anschauung sei nur auf folgendes verwiesen:
Erst der Künstler hat, wie eine genetische Betrachtung lehrt, das
Ästhetische in die Welt getragen. Sicher ist, daß auf primitiver Stufe
ästhetisches Erleben nicht vor oder ohne künstlerisches Schaffen (man
denke an Körperschmuck und Tanz) auftritt, und besonders auffallend

Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. XXI. 1
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