Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 21.1927

Page: 246
DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/zaak1927/0258
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
246

RICHARD WITTSACK.

meidlicherweise zugibt, daß der spätere Vers nicht von dem des eng literarischen
Otfried abzuleiten ist, sondern das Wesentliche aus früheren Zeiten überkommt,
ist jener Gegensatz aufgelöst, und meine Konstruktion bleibt bestehen.

Richard Wittsack:
Rhythmus und Vortragskunst.

(Verhandlungsleiter: Ottomar Wichmann.)
Wenn ich über Rhythmus und Vortragskunst spreche, so beschränke
ich mich dabei auf die Bedeutung des Rhythmus beim Vortrag von
Wortkunstwerken (Vers- und Prosadichtungen), also auf den nach-
schaffend-erschaffenden künstlerischen Vortrag und seine Beziehung
zum Rhythmus. Ich gehe aber nicht ein auf das Problem: Rhythmus
und Redekunst.

Bei den verfügbaren Minuten müssen sich die Ausführungen vor-
wiegend in Andeutungen, Thesen bewegen und bei dem Herauslösen
des genannten einen Fragekomplexes fragmentarisch bleiben.

iDer Streit, ob es überhaupt eine Norm für den Vortrag eines Wort-
kunstwerkes gibt, geben könne, ist alt. Er ist in den letzten Jahren
wieder durch die eifrigere Beschäftigung mit der gesprochenen Sprache,
durch das Aufleben der »Sprechkunde« einmal, dann aber auch
durch viel genannte und ebensoviel umstrittene Aufführungen Berliner
Bühnen (Jeßner, Piscator) lebhafter geworden.

Handelt es sich bei diesen Inszenierungen auch um weit mehr als
um die Gestaltung des Wortes allein, nämlich um den Gesamtorganis-
mus des Dramas, den der Regisseur aufzuspüren und mit seinen Kunst-
mitteln auszudrücken hat, so ergibt sich doch für ihn wie für den
Sprechgestalter eines Gedichtes das Problem: Wie hat man sich als
Künstler (Sprecher, Regisseur) dem Werke des andern Künstlers, des
Dichters gegenüber, zu verhalten? Gibt es, wie gesagt, eine Norm,
einen Anhaltspunkt, vielleicht sogar ein Gesetz, das von vornherein bin-
det — oder ist man völlig frei beim Schaffen? .. .

Hauptsächlich zwei Antworten sind in der Praxis auf diese Fragen
gegeben worden. Einmal: ich kann mit dem Werk des Dichters als
Vortragender, beziehungsweise Regisseur machen, was ich will — ich
bin in meiner Kunst souverän und behandele — wie jeder andere
Künstler — mein Material (Gedicht oder Drama) ganz nach meinen
künstlerischen Eingebungen. — Und die andere Antwort: ich bin in
meiner Kunst durch das Werk des Dichters an eine bestimmte Aus-
drucksgestaltung gebunden, meine Freiheit ist begrenzt.

Bei der ersten Gruppe, bei denen also, die sich in keiner Weise
gebunden fühlen, gibt es Abschattierungen der Ansichten und daher
verschiedene Typen. Hervorstechend sind: der virtuose Typus, der
loading ...