Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 21.1927

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RICHARD THURNWALD.

Abgrenzung nicht stehen geblieben. Friedrich Theodor Vischer, der ursprüng-
lich Hegel folgt, hat in seinem Aufsatz »Über das Symbol«, wie schon zuvor in
seinen »Kritischen Gängen« seine anfängliche Einteilung ausdrücklich zurückgenom-
men: er will das Symbolische nicht als Ausdruck für ein bestimmtes Gebiet, für
einen Teil der Kunst verwendet sehen, sondern er betont, daß jede Kunst als
solche symbolisch sei — daß der Symbolbegriff somit nicht bloß dazu verwendet
werden dürfe, eine einzelne Richtung des Ästhetischen zu kennzeichnen, sondern
daß er in den Mittelpunkt, in das lebendige Zentrum der künstlerischen Gestaltung
hineinführe. Der Gesichtspunkt, der hier für die Ästhetik aufgestellt ist und der
ihre moderne Entwicklung — es sei nur an VolkeIts bekannte Schrift über das
Symbolproblem in der neueren Ästhetik erinnert — wesentlich mitbestimmt hat, "gilt
in einem noch wesentlich allgemeineren Sinne für das Ganze der Philosophie.
Auch hier sehen wir — in einer intellektuellen Bewegung, deren Ziel wir heute
noch nicht vorwegnehmen können, deren Richtung aber für uns immer klarerund
schärfer zutage tritt, — das Problem des »Symbolischen« von der Peripherie der
Betrachtung ins Zentrum der Betrachtung rücken. Meine Ausführungen sollten ledig-
lich andeuten, an welcher Stelle des philosophischen Systems meiner Ansicht nach
dieses Zentrum zu suchen ist — aber es hat mir ferngelegen, es in den knappen
Andeutungen, auf die ich mich hier beschränken mußte, irgendwie endgültig be-
stimmen und festlegen zu wollen.

Richard Thurnwald:
Symbol im Lichte der Völkerkunde.

(Verhandlungsleiter: Theodor Ziehen.)

§ 1. Über das Symbol in ethnologischer Beleuchtung sprechen,
hieße das ganze Problem des primitiven Geisteslebens aufrollen. Sym-
bolische Beziehungen erfüllen das primitive Geistesleben in Hand-
lungen und Sachen, und oft schlingt sich Symbol in Symbol.

Nur einige wenige Seiten des Symbolproblems möchte ich daher
hier zur Erörterung bringen, denen meiner Meinung nach bisher ge-
ringere Aufmerksamkeit zugewendet wurde.

Zunächst dürfte es aber angezeigt sein, einen flüchtigen Blick auf
einige Züge des primitiven Denkens überhaupt zu werfen (Ausführ-
licheres siehe in Verfassers Aufsätzen im »Reallexikon der Vorgeschichte«,
herausgegeben von M. Ebert, unter den Schlagworten: Eid, Idol,
Fluch, Mana, Meidung, Namen, Omen, Orakel, Primitives
Denken, Schrift, Segen, Zauber.

Es hat sich herausgestellt, daß wir die Verschiedenartigkeiten der
Vorstellungen, der Auffassungen und der Niederschläge des Denkens
stets als Bestandteile einer bestimmten Geistesverfassung zu
betrachten haben, von der sie unlösbar sind. Man mag diese Geistes-
verfassung als »Struktur« oder »Gestalt« bezeichnen, das Wesentliche
daran ist, daß ihre einzelnen Züge oder Bestandteile, aus denen sie
besteht, untereinander zusammenhängen, einander bedingen und ein
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