Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 21.1927

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Ernst Cassirer:

Das Symbolproblem
und seine Stellung im System der Philosophie.

(Verhandlungsleiter: Theodor Ziehen.)

Als Fr. Theod. Vischer vor etwa 40 Jahren in den Philosophischen
Aufsätzen zu Eduard Zellers 50jährigem Doktorjubiläum den Sym-
bolbegriff, den er schon in seiner Ästhetik eingehend behandelt
hatte, erneut in den Mittelpunkt der theoretischen Betrachtung rückte —
da bezeichnete er diesen Begriff als einen gestaltwechselnden Proteus,
der schwer zu packen und zu bannen sei. In der Tat gibt es wohl
keinen anderen Begriff der Ästhetik, der sich so reich, so fruchtbar und
so vielgestaltig wie dieser erwiesen hat — aber auch kaum einen zwei-
ten, der sich so schwer in die Grenzen einer festen definitorischen
Bestimmung einschließen und sich in seinem Gebrauch und seiner Be-
deutung eindeutig festlegen läßt. Und diese Schwierigkeit steigert und
verschärft sich noch, wenn man, wie es in den folgenden Betrachtungen
geschehen soll, das Problem des Symbolischen so umfassend nimmt,
daß es keinem einzelnen Gebiet des Geistigen ausschließlich angehört,
sondern daß es zu einem systematischen Zentrum wird, auf das alle
Grunddisziplinen der Philosophie — die Logik nicht minder wie die
Ästhetik, die Sprachphilosophie so gut wie die Religionsphilosophie —,
in gleicher Weise hinzielen. Die Bedeutung des Symbolbegriffs und des
Symbolproblems für die immanente gedankliche Entwicklung dieser
Gebiete aufzuweisen, fällt nicht schwer: wir brauchen uns nur dem
geschichtlichen Fortgang ihrer Grundprobleme zu überlassen, um sie
überall hell und deutlich hervortreten zu sehen. Aber jeder Übergang
in ein neues Problemgebiet scheint hier mit der inneren Bereicherung,
die das Problem erfährt, auch immer wieder eine neue Problemver-
schiebung, eine eigentliche (j.sTäßaotc ei? allo ^evo? zur Folge zu haben.
Wenn wir von der Religionsphilosophie zur Philosophie der Kunst,
wenn wir von dieser zur Logik und Wissenschaftslehre hinüberblicken,
und wenn wir in ihnen allen das Symbolproblem bedeutsam und wirk-
sam finden — so zeigt sich doch unverkennbar, daß es eben diese
seine universelle Bedeutsamkeit mit einem ständigen Bedeutungswandel
erkaufen muß. Je nach der neuen geistigen Atmosphäre, in der es steht,
wird es selbst zu einem andern. In der religiösen Sphäre, in der der
Begriff des Symbolischen ursprünglich wurzelt, scheint er zunächst in
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