Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 21.1927

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DIE ROLLE D. ÄSTHETIK IN D. METHODE D. GEISTESWISSENSCHAFTEN. 15 g

lyse in Elemente und Synthese durch Ganzheitsarten fest, so wird der
Schlußzustand die Erkenntnis der »Form« der Geschichte sein. Wir
stehen vor der Türe, ja wir sind schon eingetreten, finden nur drinnen
immer neue verschlossene Türen, an unserem Schlüsselbund sind die
Begriffe Stil und Harmonie vielleicht die wichtigsten Schlüssel. Den
Sinn der Geschichte, ihre Melodie, können wir zwar nur schauen,
aber die Form des Geschehens können und wollen wir durchschauen.

Gerhart Rodenwaldt:
Wandel und Wert kunstgeschichtlicher Perioden.

(Inhaltsangabe.)

Die Zurückhaltung, die die klassische Archäologie bisher gegenüber
den Problemen der allgemeinen Kunstwissenschaft eingenommen hat,
beruht auf ihrer besonderen methodischen Situation. Gegenüber der
neueren Kunstgeschichte hat sie den Vorzug, sich stets den Charakter
einer streng esoterischen Wissenschaft erhalten zu haben. Infolge der
praktisch-technischen Aufgabe der Grabung und des Erhaltungszustandes
der Monumente nimmt die wissenschaftliche Vorarbeit einen großen
Raum ein. Der Zusammenhang mit der gesamten Altertumswissen-
schaft hat ihr stets eine geistesgeschichtliche Betrachtung in höherem
Maße als der neueren Kunstgeschichte bewahrt; sie wird analog der
Entwicklung anderer historischer Disziplinen jetzt bewußt betont. Dem
steht der Nachteil gegenüber, daß sie zwar die Anregung der For-
schungen Wickhoffs, Riegls, Wölfflins, Dvofäks, Pinders u. a. m. auf-
genommen 5), sich aber an der theoretischen Erörterung kunstgeschicht-
licher Grundprobleme kaum beteiligt hat. Daraus ist für diese insofern
eine Schädigung entstanden, als das Beispiel der antiken Kunstent-
wicklung, namentlich ihre Abweichung von dem Verlauf der neueren
Kunstgeschichte, zu wenig berücksichtigt worden ist. Das augenblick-
liche Streben nach »Synthese« führt auch in der Archäologie zur Be-
schäftigung mit den allgemeinen Fragen; insbesondere kann der Ver-
such universalgeschichtlicher und geistesgeschichtlicher Betrachtung
der Stellungnahme zum Problem des Wertes nicht entraten.

Verschiedene Arten der Gliederung versuchen eine Ordnung in den
steten Wandel des Geschehens zu bringen. Den ständigen Pulsschlag
begreift Pinder in dem Rhythmus der Generationen. Eine naive Vorstufe
dieser Betrachtung liegt in der antiken Kunstgeschichte mit der Zu-
sammenstellung von Künstlern gleicher Lebenshöhe vor, während die
Vorstellung des Wechsels von Aktion und Reaktion fehlt. Die Wert-

') Dagegen sind andere wichtige Erscheinungen, z. B. die Forschungen von
Schmarsow, Heidrich und Wulff in der Archäologie kaum beachtet worden.
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