Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 21.1927

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PAUL MENZER.

gehören, so bilden auch der Gegenstand der Kunsttheorie und der
Tatbestand der Kunstgeschichte eine Einheit. Das Bezugssystem der
allgemeinen Kunstwissenschaft verleiht dem historisch Gegebenen einen
logischen — etwa einen typologischen — Zusammenhang; das histo-
risch Gegebene aber bewährt seine Ursprünglichkeit darin, daß es den
Reichtum des persönlichen Lebens in die andere Ebene überleitet und
sie so sehr oder so wenig ausfüllt, wie der empirische Umfang eines
Begriffs sich mit seinem logischen Umfang zu decken braucht. Unver-
tilglich ist der Gegensatz zwischen Ruhe und Lakonismus des Systems
einerseits, Wandelbarkeit und Beredsamkeit der Geschichte anderseits.
Dennoch streben sie zueinander im Liebeshaß. Dies Verhältnis immer
klarer herauszustellen, wird eine der Aufgaben in der weiteren Ent-
wicklung unserer Wissenschaft sein.

Es ist vorauszusehen, daß hierbei und schon auf dem heute be-
ginnenden Kongreß die Meinungen nach verschiedenen Richtungen
gehen werden. Nehmen wir uns, wie die Philosophen es stets getan
haben, den gestirnten Himmel zum Vorbild: jeder Stern zieht seine
eigene Bahn, und doch stört er keinen anderen, weil alle dem gleichen
Gesetz unterworfen sind. Das uns bindende Gesetz aber lautet: Er-
kenntnis der Kunst durch Kunst der Erkenntnis.

Paul Menzer:
Kunst und Erziehung.

Wenn die Zeichen nicht trügen, ist für die Pädagogik eine Zeit der
Besinnung und Selbstkritik angebrochen. Es ist notwendig, die Kräfte
der pädagogischen Begeisterung der jüngsten Vergangenheit allmählich
für eine planvolle Bildungsarbeit auszuwerten.

Eine besondere Schwierigkeit bereiten die Fragen einer ästhetischen
Erziehung, weil viel kritikloser Enthusiasmus in dieser Hinsicht herrscht.
Ein prinzipieller Standpunkt ist nur aus dem Begriff der Erziehung zu
gewinnen. Sie will die in der jugendlichen Seele ruhenden Fähigkeiten
des Verstandes, Gefühles und Willens zur Ausbildung bringen. In
allgemeinster Absicht ist sie Willensbildung. Die andere entscheidende
Frage ist die nach dem Wesen der Kunst. Es wird bestimmt durch die
Formel, daß die Welt der Kunst eine ideale Wirklichkeit ist, eine Weit
des Scheines, und daß wir diese Welt nicht so sehr verstandesmäßig
begreifen oder willensmäßig beeinflussen, als sie uns anschauend und
erfühlend aneignen. Diese Wendung zu einer idealen Wirklichkeit be-
deutet einen Verzicht auf eine unmittelbare erzieherische Einwirkung.
Darin liegt eine erste, wenn auch nur negative Bestimmung.

Die weitere Aufgabe ist aus der Analyse des ästhetischen Erleb-
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