Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 21.1927

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KUNST UND ERZIEHUNG.

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man in die kindliche Seele nicht die eigene Problematik hineintragen.
Trotz dieser Kritik ist das Wertvolle in diesen Anregungen nicht zu
verkennen. Der Gedanke zu einer künstlerischen Betätigung zu erziehen
ist durchaus fruchtbar. Die in der kindlichen Seele liegenden Kräfte,
die zur Betätigung drängen, müssen in die Formen eines künstlerischen
Ausdrucks überführt werden. Anderseits müssen Kräfte erst geweckt
werden. Bei aller Kritik zu großer Illusionen wird das Recht der For-
derung nach einer Ausdruckskultur des deutschen, insbesondere des
norddeutschen Menschen nicht bestritten werden können. So ergibt
sich eine Stufenordnung, die vom Spiel, Gymnastik, Sport, Sprach-
kultur zu den Künsten im eigentlichen Sinne des Wortes führt.

Die letzte Frage wäre, was wir von einer ästhetischen Erziehung
für den Einzelnen und darüber hinaus für die deutsche Volksgemein-
schaft erwarten dürfen. Auch hier sind einige nüchterne Betrachtungen
am Platze. Reines Kunstgenießen ist selten, besonders bei Kindern.
Auch ist die soziale Not ein schweres Hindernis für eine tiefere Ein-
wirkung ästhetischer Erziehung. Deshalb muß die Kunst von vorn-
herein entschiedener in den Dienst der allgemeinen Erziehung gestellt
werden. Die Einwände der Künstler sind nur von ihrem Standpunkte
aus berechtigt, aber praktisch ohne Bedeutung. Die Aufgabe dürfte
sein: die Verbindung des kunsterzieherischen Gedankens mit der
Arbeitsschulmethode und ein Herausarbeiten der weltanschaulichen
Elemente, insbesondere derer der Dichtkunst. Die Zukunft wird in
dieser Hinsicht unbedenklicher sein.

Die Frage nach der Stellung der Kunst im Zusammenhang der
Kultur ist nur auf geschichtlicher Grundlage zu behandeln. Das Er-
gebnis ist, daß kaum je die Kunst einer Kultur die ihr fehlende Ein-
heit hat geben können. Künstlerische Kulturen zeigen meist schwere
Mängel. Nur in einem allseitigen Streben, das bessere Gestaltung der
Lebensbedingungen, Wahrheits- und Sittlichkeitsstreben, religiöse Ver-
tiefung in sich schließt, kann die Aufgabe gelöst werden, den heute
lebenden Menschen wieder einen höheren Lebensgehalt zu geben. An
dieser Aufgabe kann eine ästhetische Erziehung mit den ihr eigen-
tümlichen Mitteln mitwirken. Hier fällt der Kunst eine außerordentliche
Rolle zu.

Paul Frankl:
Die Rolle der Ästhetik
in der Methode der Geisteswissenschaften.

In der Kunstwissenschaft stehen sich heute zwei Richtungen feind-
lich gegenüber, die individualisierende und die generalisierende. Die
erste betrachtet es als ihre Hauptaufgabe, das Individuelle jedes Künst-
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