Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 21.1927

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IV.

Vom Werte der Gestalten.

Von

Paul Kecskemeti.

Die zentrale Tatsache der Ästhetik ist wohl die des Gestaltwertes,
d. h. es handelt sich in unserer Wissenschaft immer darum, daß ge-
wisse Werte durch gewisse Gestalten realisiert werden: seien dies
nun Gestalten des Raumes oder des rhythmischen Tönens oder aber
auch der sprachlichen Bedeutung, der Rede. Wir untersuchen nun die
Frage: wie kommt es, daß Werte überhaupt durch Gestalten realisiert
werden, »an« Gestalten erscheinen können? Welcher Art sind diese
Werte? Woraus »fließen« sie: aus welcher letzten Quelle des Wert-
vollseins überhaupt? Bei der Erörterung dieser Fragen wird es sich
uns ergeben, daß hierbei der ontischen Verankerung der Gestalt,
d. h. dem Umstand, auf welcher Wirklichkeitsstufe das sie tragende
Ding steht, eine entscheidende Bedeutung zukommt. Der Wert der
Gestalt richtet sich danach, ob das Ding ein reales Ding oder was
es sonst ist usw. Gewisse Umstände fügten es so, daß man dieses
Moment des Ontisch-realen innerhalb des Ästhetischen, also des Reichs
des »Scheins« gewöhnlich für belanglos hält. Es ist aber ein schwerer
Denkfehler, daraus, daß ästhetisch auch ein »Schein« »wirksam« sein
kann, etwa zu folgern, daß es für die ästhetische Wirkung gleichgültig
ist, ob ein Schein oder ein Wirkliches vor uns liegt. Denn wo der Schein
des Wirklichen gefällt, dort gefällt die Wirklichkeit des Scheinenden
nicht oder nicht in demselben Sinne. Wir müssen es (freilich schwei-
gend, in der Form des »Mitwissens«) zur Kenntnis nehmen, ob das
vor uns Liegende Bild oder Wirklichkeit ist; wo hierüber Zweifel be-
steht, kann es zu keiner ästhetischen Wirkung und Wertung kommen,
was doch undenkbar sein würde, wenn die Frage nach dem Ontisch-
realen ästhetisch wirklich indifferent wäre. Wir sollen also alle diese
Zusammenhänge der Wirklichkeitsstufen mit den ästhetischen Wir-
kungsmöglichkeiten (den Gestaltwerten) prinzipiell untersuchen. —
Dabei wollen wir uns auf das Gebiet der räumlichen Gestalten be-
schränken.
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