Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 21.1927

Page: 260
DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/zaak1927/0272
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
260

HERMANN WOLFGANG VON WALTERSHAUSEN.

Rhythmik — möge sie auch die zusammengesetzteste Körperbewegung,
die schulbar ist: die spracherzeugende, und mit ihr die Dichterklänge,
die dem rhythmischen Menschen entströmen — möge sie auch die
Vortragskunst mit neuem Mut zum Rhythmus durchdringen!

Herbert Biehle machte in der Aussprache Ausführungen über das Verhältnis
von Rhythmus und Stimmbildung.

Hermann Wolfgang von Waltershausen:
Rhythmus in der Musik.

(Verhandlungsleiter: Arnold Schering.)

Die Aufforderung der Gesellschaft für Ästhetik und allgemeine Kunst-
wissenschaft, ein Referat im Rahmen einer größeren Folge von Vor-
trägen über den Rhythmus zu übernehmen, mußte mich als schaffen-
den Künstler und praktischen Musiker zunächst in einige Ver-
legenheit setzen. Der Wissenschaft ist die Kunst wie jeder andere
Gegenstand ein Objekt; hieraus ergibt sich die Art und Weise der
Betrachtung. Dem praktischen Musiker kann sie dies nie sein; ja, man
möchte so weit gehen, das Verhältnis geradezu umgekehrt zu sehen
und den Künstler selbst, wenn es erlaubt ist, dies auszusprechen, als
Objekt der Kunst aufzufassen, zum mindesten als ein Werkzeug oder
Gefäß, dessen sich ein unfaßbares Etwas, das wir eben Kunst nennen,
bedient. In unserer mechanistisch orientierten Zeit, die gern auch die
Welt der Phantasie als Ergebnis soziologischer Erscheinungen wertet,
ist die Neubegründung dieser Form von metaphysischer Kunstauffassung
eine Tat gewesen; für uns alle, die wir, ohne selbst zu wissen auf welchem
Irrwege, um eine rationalistische Ästhetik in den Jahren vor dem Zu-
sammenbruch des alten Deutschlands rangen, bedeutete Pfitzners Pa-
lestrina-Dichtung geradezu eine Erlösung, einen neuen Stern von Beth-
lehem, der uns die rechte Straße aus Wildnis und Gestrüpp heraus
wies. Das Inkommensurable stand plötzlich wieder im Mittelpunkt des
Interesses; die Scheu, den Schleier von den letzten Dingen wegzuziehen,
war wiederum erwacht. Andere innere Erlebnisse traten helfend dazu.
Man sagt, daß Not beten lehrt. Der Deutsche nach dem Weltkrieg
mußte anfangen, sich ein wenig nachdenklich gegenüber seiner Gott-
ähnlichkeit einzustellen; er mußte sich besinnen, daß es Grenzen, Mauern
gibt, die für unser Erkenntnisvermögen unüberschreitbar sind. Nicht
die Wahrheit des wissenschaftlich Eroberten wurde damit in Zweifel
gezogen; seine Bedeutung gegenüber dem ewig Geheimnisvollen und
Unerforschlichen wurde aber verringert.

Eine Einstellung, die somit typisch für weite Kreise unseres Volkes
wurde, mußte ganz besonders das Verhältnis zur Ästhetik beeinflussen.
loading ...