Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 21.1927

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RHYTHMUS IN ETHNOLOGISCHER BELEUCHTUNG.

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ständlicher werden können, wenn wir den physikalischen Vorgang (Jazzmusik und
Raumschwingungen) mit dem subjektiven Erleben (»Rhythmus«) durch die Funk-
tionsform eines spezifischen Vibrationssinnes des Menschen verbinden. Was uns
den Musikgenuß des Gehörlosen verständlich macht, erläutert uns umgekehrt das
»Rhythmus—Erleben des Normalen bei Jazz.

F. Adama van Scheltema:
Rhythmus in ethnologischer Beleuchtung:
Reihung um eine Mitte.

(Verhandlungsleiter: Kurt Oerstenberg.)

Denken Sie sich in freier Ebene irgendeinen auffallenden plastischen
Gegenstand, einen isolierten Baum, eine Stein- oder Holzsäule, einen Hü-
gel, so werden Sie finden, daß dieser Gegenstand, dieses von der Natur
oder von Menschenhand errichtete Mal, sich nicht beziehungslos zum
umgebenden Raum verhält, sondern daß es den Raum auf sich bezieht,
oder auch, daß wir den Raum auf das Mal beziehen. Warum das
geschieht, interessiert hier nicht so sehr; je nach unserer mehr sub-
jektiv-psychologischen oder objektiv-ästhetischen Einstellung ist zu
sagen, daß wir auf Grund eines einfachen Einfühlungsprozesses dieses
stolz und fest sich erhebende Mal als Beherrscher seiner Umgebung
und diese Umgebung als sein Herrschaftsgebiet empfinden — oder
auch wir sagen: das Mal wird im ununterbrochenen Kontinuum des
Raumes unvermeidlich zum Meßpunkt, von dem aus wir den Raum
beurteilen, zum ruhenden Pol, um den sich der Raum kristallisiert,
gliedert. Ist das Mal nicht nach einer horizontalen Achse gerichtet —
und das ist beim bildlosen Naturmal die Regel —, so wird sich diese
Herrschaft nach allen Seiten gleich weit erstrecken. Und endlich ist
noch zu sagen, daß diese magnetische Kraft, die uns zwingt, alle Raum-
punkte auf diese plastische Mitte zu beziehen, schwächer wird, je mehr
wir uns vom Mal entfernen, intensiver wird bei der Annäherung. Man
kann sich den ganzen Sachverhalt nicht besser vergegenwärtigen, als
wenn man denkt an die ringförmigen Wellen, die entstehen, wenn ein
Stein ins Wasser geworfen wird: nach aussen zu werden diese Kreise
immer größer, aber auch immer schwächer.

Soll nun aus irgendeinem Grunde die äußere Grenze dieses Herr-
schaftsbereiches angedeutet werden, so kann es sich nach dem Gesagten
nur um einen kreisförmigen Gürtel handeln, sei es, daß man dazu
einen einfachen Erdwall, eine Mauer, einen Pfahl- oder Bretterzaun,
eine Hecke oder auch eine Reihe von Bäumen, Pfählen oder Steinen
wählt. Und hier kommen wir schon auf einen sehr wesentlichen Punkt:
werden solche isolierte Elemente zur peripheren Umgrenzung des vom
Mal beherrschten Bezirkes gewählt, so können diese nur in der ge-
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