Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 21.1927

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DIE WANDLUNG DER SCHÖNHEIT AM DEUTSCHEN VERSE. 233

Rhythmische (im engeren Sinne) seien keine polaren oder kontradiktori-
schen Gegensätze. Allein es handelt sich hier darum, daß, rein phäno-
menologisch gesehen, das eine Mal die Schicht der organischen Ge-
gebenheiten in der Darstellungsfunktion prävaliert, das andere Mal die
abstrakt-rhythmischen.

Mit der stilistischen Fixierung des Rhythmus ist jedoch über das
Inhaltliche noch nichts ausgemacht, denn der Erlebnisgehalt des Vor-
klassikers Giotto ist dem des Nachklassikers Tintoretto so polar ent-
gegengesetzt, wie der gleitende Rhythmus des ersten dem gebro-
chenen des zweiten. Die Klassik Raffaels und Michelangelos lag da-
zwischen, und sie ist in Tintoretto »aufgehoben«, auch im Sinne von:
aufbewahrt.

Wie der Rhythmus in ethnologischer Bedeutung entscheidend war,
die primitive von der mittelalterlichen Epoche zu scheiden, so hat er
für die bildende Kunst der Neuzeit eine ebenso zentrale Bedeutung:
das stilistische Wollen der antiklassischen Stile zu erhellen und in
seinen einzelnen Ausprägungen aufzuweisen. Eine große Aufgabe, die
noch kaum angegriffen ist.

Georg Baesecke:
Die Wandlung der Schönheit am deutschen Verse.

(Verhandlungsleiter: Wolf gang Liepe.)

Man wird heute gern für selbstverständlich erklären, daß sich eine
jede Zeit das Schöne an ihrem Verse selbst nach ihrem Ideal schaffe,
daß man also dieses Ideal ablesen könne, und wird leicht vergessen,
daß die geschichtlichen Verhältnisse ebenso wie das einmal gegebene see-
lische und sprachliche Material schwer hemmen oder ablenken können,
daß Kompromisse übrig bleiben, die den Wert solcher Erkenntnis stark
herabmindern, die aber, indem sie in die Einzelheiten hinabzusteigen
zwingen, für das Erfassen des Ästhetischen und seinen Wandel desto
wertvoller sind, je mehr Kreuz- und Querlinien sie aufdecken: bei uns
die von Anfang bis heute in der Tiefe gleichgebliebenen Forderungen
an den Rhythmus, daneben aber die völlige Neugestaltung der Sprache,
die Begabung mehr für das Charakteristische und Inhaltliche als für
das Schöne schlechthin und Gleichgewogen-Formale und insbesondere
die fremdartigen Bildungserlebnisse, die dann doch nur bis in eine
begrenzte Tiefe dringen. Welches sind jeweils die Ergebnisse so vieler
Faktoren? Mit dieser Fragestellung spreche ich von dem Wandel der
Schönheit am deutschen Verse, soweit sich das in einer halben Stunde
tun läßt. Ich setze also Schönheit sozusagen in Gänsefüßchen und
meine damit zugleich, daß ich von meinem eigenen Schönfinden nicht
absehen kann und will.

Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. XXI. 16
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