Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 21.1927

Page: 379
DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/zaak1927/0391
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
f,

ARNOLD SCHERING. SYMBOL IN DER MUSIK.

379

Der Organismus ist Individuengemeinschaft. Die Kunstform ist daher
Totalorganismus, welcher genetisch aufwächst als die Gemeinschaft
ebenso genetisch aufwachsender Einzelindividuen.

Zum Schluß noch einen kurzen Hinweis auf das Verhältnis dieser all-
gemeinen Grundbegriffe der Kunstform zu den kunstgeschichtlichen
Grundbegriffen. Die Kunstform im allgemeinen ist eine Abstraktion.
In der konkreten Erscheinung ist das Kunstwerk nur da als geschicht-
liches Individuum. Kunst ist ursprünglich Geschichtsprozeß. An-
genommen nun, man sieht in dem Ablauf der Geschichte einen ein-
heitlichen Sinnprozeß oder Gruppen von Sinnprozessen. Dann hat
man für das wissenschaftliche Begreifen des Geschichtsprozesses der
Kunst kunstgeschichtliche Grundbegriffe festzustellen. Diese kunst-
geschichtlichen Grundbegriffe können nur Spezifikationen der all-
gemeinen Grundbegriffe der Kunstform überhaupt sein.

Das setzt freilich voraus, daß die Kunst ein autonomes oder eigen-
gesetzliches Sachgebiet ist; daß also auch der Sinn des geschicht-
lichen Kunstprozesses nicht aus einem sachfremden Gebiet stammen
kann, etwa aus dem religiösen Gebiet oder einem anderen kunst-
fremden Kulturgebiet. Dann, wie gesagt, kann die Gesetzlichkeit, welche
in dem Geschichtsprozeß der Kunst jeweils waltet, nur geschichtliche
Spezifikation der allgemeinen Gesetzlichkeit der Kunstform sein. Oder
umgekehrt: die allgemeine Logizität der Form, wie sie sich in all-
gemeinen Grundbegriffen darstellt, muß in sich die Möglichkeit bieten,
sich zu spezifizieren zu einer Logizität des künstlerischen Geschichts-
prozesses, welche sich in kunstgeschichtlichen Grundbegriffen dar-
stellt. Anders gesagt: die allgemeine Gesetzlichkeit der Form muß zur
Stilgesetzlichkeit konkreszieren können.

Die Urpolarität der Kunstform — die Formtotalität und die einzel-
förmliche Individuation in bezug auf diese Totalität — hat in der Tat
in sich solche Möglichkeit stilgesetzlicher Besonderungen. Ich habe
das in meinen kunsttheoretischen Büchern sachlich begründet wie auch
durch geschichtliche Analysen aufgewiesen.

Arnold Schering:
Symbol in der Musik.

(Verhandlungsleiter: Werner Wolffheim.)

Wenn ich die Aufgabe, über das Symbol in der Musik zu sprechen,
recht verstanden habe, wird das Wesentliche nicht darin bestehen,
ganz allgemein vom kunstphilosophischen Standpunkte aus zu reflek-
tieren über die Musik als eine Manifestation des Symbolischen über-
haupt — also etwa über die Tatsache, daß Musik, wie jede andere
loading ...