Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 21.1927

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BESPRECHUNGEN.

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baums Arbeit: »Das Persönlichkeitsproblem in der Psychiatrie«. In ihr waltet die
ganze lebensnahe und gesichtspunktreiche Überlegenheit dieses geistigen Führers
in der gegenwärtigen Psychiatrie. Aber wie alle empirischen Fachleute geht er den
charakterologischen Fragen von außen her mit deskriptiven und dynamischen Ord-
nungsgesichtspunkten zuleibe, die letzten Endes im Biologismus wurzeln. Freut man
sich an der Architektonik seiner Linienführung und an der durch ihn gewährleisteten
außerordentlichen Materialbewältigung, so vermittelt Alexander Lipschütz einen Ein-
blick in die organismische, physiologisch-chemische Fundierung bestimmter cha-
rakterologisch-affektiver Stigmen. Seine Arbeit »Innere Sekretion und Persönlichkeit«
entwirft dem Geisteswissenschaftler ein völlig ungeahntes Bild von Zusammenhängen
zwischen den Eigenarten der leiblichen und der seelischen Konstitution.

Paul Plaut endlich versucht eine soziologische Typologie, in der das Ich als
Funktion eines Ganzen, der Gattung, in seinem Reichtum und in seiner Fülle von
Beziehungen erfaßbar wird. Soziologisch orientiert ist auch die Arbeit Franziskus
Baumgartens über die Beziehungen von Beruf und Charakter, die vielleicht nicht
ganz die Weite des Horizontes der übrigen Arbeiten aufweist. Von größter prak-
tischer Lebensnähe und allen damit verbundenen Reizen erfüllt sind R. Heindls
kriminalpsychologische Ausführungen über das Berufsverbrechertum, seine Formen
und Typen, seine Statistik und seine Psychologie. In ihnen steckt eine unschätzbare
Materialfülle. Endlich sei noch eines kurzen Aufsatzes von Schneickert über Hand-
schriftensammlungen und ihren charakterologischen Wert gedacht, der mehr tech-
nischer Art ist.

Berlin. Arthur Kronfeld.

R. Waldvogel, Auf der Fährte des Genius. (Biologie Beethovens, Goethes,
Rembrandts.) Hannover 1925.

Der Verfasser, ein Arzt mit künstlerischen Interessen mittleren Grades und
mäßigem, aber gutwilligem Verständnis, sucht in eigenartiger und nicht unsympathi-
scher Weise sein medizinisches Wissen und seine humanitäre Einstellung für die
Einsicht in das Biologisch-Schicksalmäßige der genialen Lebenskurve fruchtbar zu
machen. Es liegt ihm nicht, wie manchen Pathographen, an dem pathologischen
Zuge an sich und seiner Auswirkung im Schaffen, sondern an der eigentümlich
quälenden Verquickung einerseits von Erbgut, Konstitution, Entwicklung und der
hierin vorgegebenen Bindung an umgrenzte biologische Ablaufsformen des perso-
nalen Seins — und anderseits von schöpferischen Antrieben, die sich in ständigem
Ringen mit diesem biologischen Schicksal entladen. Für die Grundanschauung des
Autors ist charakteristisch der Satz: der Genius schafft »an Stelle und im Sinne
des Nervensystems aller Menschen einer Kultur« und das Goethesche Motto: »Nach
ewigen ehrnen Großen Gesetzen Müssen wir alle Unseres Daseins Kreise vollenden«
— aber er sucht dann doch hauptsächlich die Rolle tuberkulöser (bei Goethe) und
erb-syphilitischer (bei Beethoven und Rembrandt) Erkrankung im Lebensverlauf
nachzuweisen. Er tut es sachlich, wie es einem vorsichtigen Arzte geziemt, er ent-
gleist nicht in die billige Befriedigung des Entlarvers oder des Hygienikers des
Leibes und der Seele — er folgt einfach seinem ärztlichen Blick mit Wohlwollen
und Verständnisbereitschaft. Aber die eigentlichen Probleme des schöpferischen
Vorgangs entgehen ihm doch — zum Glück dürfen wir wohl sagen. Und so hat
die etwas hausbacken-provinzielle Studie ihren Wert für den, der dem Privatmenschen
im Genius nachgeht.

Frankfurt a. M. Hans Prinzhorn.
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