Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Hrsg.]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 59.1908-1909

Seite: 249
Zitierlink: 
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kuh1908_1909/0267
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
6(8. Kurhaus iu Wiesbaden*): kfauptfront; Architekt: Friede. v. Thiersch.
(Aus Wasmuths Sonderpublikation über das Wiesbadener Kurhaus. **)

(Das (Kwrßaue 3u MeeKaden
und Münchens Ankert daran.

(Von Meka Sscherich.

ls Friedrich von Thiersch im
Oktober (902 endgültig die Er-
bauung des neuen Kurhauses
übernahm, stand er vor einer
schweren Aufgabe. Das alte Kur-
haus, das niedergelegt werden
mußte, war der Liebling der Wiesbadener. Hui ihm
verknüpften sich die angenehmsten Erinnerungen, mit
ihm versank die alte Zeit. Das neue niußte ein
anderes werden, und doch sollte das alte in ihm
weiterleben. Solche Forderungen sind nicht leicht zu
erfüllen.

In den Jahren (808—(0 erbaute mit dem
bescheidenen Kostenaufwand von (50000 Gulden
Ehristian Zais das alte Kurhaus. Ein schlichter,
edler Bau des Klassizismus, der erst später noch durch
Anbauten der Flügel einige Ausdehnung erhielt.

*) Bei deu späteren Abbildungen. durch „K. W." ab-
gekürzt.

Dieses alte Kurhaus war die Dominante des Wies-
badens von Anno dazuinal. Zais hatte freie Hand.
Er schuf zu seinem Bau die Anlagen, die flankieren-
den Kolonnaden, er arbeitete den s)lan der Wilhelm-
straße aus. Seine Hand griff überall reorganisierend
in das Stadtbild ein, das unter ihm den früheren,
noch aus mittelalterlicher Zeit stehengebliebenen Eha-
rakter des Fortifikatorischen ablegte und den einer
galanten Schöngeistigkeit annahm.

Dieses einheitliche Bild, das Zais, der leider
schon (820 starb, geschaffen, ist heute längst zer-
stört. Von den feinen, alten Bauten haben sich nur
mehr ganz wenige erhalten, die in trauriger Schüchtern-
heit zwischen den Geschmacklosigkeiten der Gründer-
zeit ihr Dasein fristen. Der Stadt geben sie längst
kein Gepräge mehr. Diese prangt im wesentlichen
in der völligen Tharakterlosigkeit der 70 er und 80 er
Jahre, und was seitdem an neuem hinzugekommen
ist, sticht mit ganz wenigen Ausnahmen von den
glänzenden Fortschritten, die die Architektur in der **)

**) Der genaue Titel lautet: (. Sonderheft der Architektur
des 20. Jahrhunderts. Friedrich v. Thiersch, das Kurhaus zu
Wiesbaden. Verlag von Trust Wasmuth, A.-G., Berlin (908.
In Folgendem nur durch die Worte: „Aus Wasmuths Sonder-
heft" gekennzeichnet.

249

Kunst und Landwerk. 59. Iahrg. Heft 9.

35
loading ...