Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 59.1908-1909

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Die Ausstellung „München \<)oa". — Die Textilkunst.

(99. („München (908".) Frauenarbeitsschule.

Oben: Kiffenbezug in Durchbruch und Häkelarbeit; Klasse: Therese Bauer;
darunter: Häkelspitze und Kragen (gehäkelte Guipüre). Entworfen und aus-
geführt in der Klasse: Kath. Blank.

(‘/4 d. wirkl. Größe.)

200. („München (908".) Fraueuarbeitsschule.

Aus einem Vorhang;

nach Entwurf von Gertrud Rommel ausgeführt in der Klaffe: Iof. D ietrich.

(‘/e d. wirkl. Größe.)

Imitationen, Schwindet und kein
Snde.

erlebt viel, wenn man im öffent-
lichen Leben steht. Und es flattert
einem auch nicht wenig auf den
jtQ, Schreibtisch, ist man an die große Welt
°_y angeschlossen. Allein der Tag bringt's,
der Tag verweht's . . . und was dich heute erregte
— morgen denkst du nicht mehr daran. Gder doch?
G ja, ein paar Sätze, ein Wort, ein Artikel gehen
einem doch mitunter nach, und man freut sich daran
in stillen Stunden, oder, je nachdem, fühlt man sich
durch sie verletzt. Was uns aber zu nahe trat, haftet
noch besser im Gedächtnisse als ein kluges Wort —
und so kann ich auch den Aufsatz nicht vergessen,
den ich unlängst in einer Waler-Fachschrift las. Der
Tenor des ganzen Artikels war's besonders, der den
Gebildeten, denjenigen, dem es ernst um Aultur, er-
regen mußte, denn wieder einmal wurde hier statt
der Wahrheit Falschheit gepredigt, statt echten Ma-
terials verfälschtes angeboten, angepriesen. Die be-
treffende Arbeit hatte nämlich die Nachbildung
von Bleiverglasungen zum Gegeustande.

Der Verfasser, den wir nicht kennen und den
wir persönlich ganz ausschalten, baut seine Theorie
von der Beglückung durch falsches Buntglas etwa
wie folgt auf. Zunächst meint er, daß dem heutigen
Streben nach Einfachheit das Streben nach Billig-
keit zugrunde liege. Auf diesen Baustein setzt er
manchen anderen — er spricht von dem schnellen
Wechsel der Mode rc., — bis er zuletzt an der Fassade
seines Imitationsrezeptes anlangt. Die Nachahmung
des Buntglases — so führt er weiter aus — sei ja
am Ende vielleicht nicht sehr beständig, aber sie ließe
sich dafür bei verhältnismäßig geringen Herstellungs-
kosten leicht erneuern, auch werde man sich im Laufe
der Zeit immer mehr der Wirkung des echten Glases
nähern, hier angelangt, erfolgt, wie gesagt, das
totsichere Rezept in aller Breite, ja in einer solchen
Ausführlichkeit, daß danach zu arbeiten wirklich nicht
schwer, weshalb nun auch das so erstrebenswerte
falsche Buntglas bald vielenorts fröhlich seinen Einzug
halten dürfte. Doch uns geht im Grunde das Re-
zept selbst für die Nachbildung von Bleiverglasungen
wenig an, und auch das am Schluffe angegebene
Wittel, womit man gestreiftes Wellenglas vorzu-
täuschen vermag, wollen wir uns aus demselben
Grunde schenken. Umso schlechter, wenn die Rezepte
gut sind! Umso trauriger! Doch, wie bemerkt, unser
Interesse an der Arbeit der Walerzeitung, das Inter-
esse an dem Aussatz selbst ist nun zu Ende; dagegen

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