Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 59.1908-1909

Page: 124
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facsimile
Lhronik des Bayer. Runstgewerbevereins.

die Aufhängung aus blankem Rupfer; das bunte,
vielfarbige Email der Wappen (deren Träger auf
der Rückseite vermerkt sind) und die zahlreichen viel-
farbigen Halbedelsteine verleihen dem Ganzen ein
buntes Leben.

Lßronik des Bayer. Kunflgeweröevereins.

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lMochenverfaminkungen.

Vierter Abend — den z\. November — Lichtbilder aus
Tirol, vorgeführt, sowie touristisch und künstlerisch erläutert von
Prof. Paul Psann. Ls war eine bequeme Reise, die an
diesem Abend die zahlreichen Vereinsmitglieder unter Führung
des ebenso gründlichen wie vertrauten Renners des schönheits-
vollen Landes machen durften, von der nördlichen Landes-
grenze an, wo der Inn das Gebirge verläßt, bis hinüber und
hinunter ins Wälschland. Gar manches malerische Bild, das
vom Vortragenden vor wenigen Jahren photographisch fest-
gehalten worden war, ist seitdem verschwunden, wo das alte
bodenständige Gasthaus einem modernen „potel" weichen mußte
und ähnliches. Bei Mühlgraben nächst der bayerischen Grenze
beginnend, wurde die erste Rast bei der reizend gelegenen Rirche
5t. Nikolaus bei Ebbs gemacht und dann in dem traulichen
Rattenberg Umschau gehalten; nach einem kurzen Abstecher
über Innsbruck ins obere Jnntal — Getz, Imst, Nauders —•
ging's durch die Brennerfurche nach Sterzing, Brixen und Rlausen;
hier wie in den nahegelegenen Brten Gufidaun, verdings,
Rastlruth, Waidbruck gab's neben der reichen künstlerischen
Schanernte auch mehr und mehr Landschaftliches von hohem
Reiz, wie bei dem Besuch der Erdpyramiden am Ritten und
in Rlobenstein bei Bozen. Etschtal-anfwärts führte die Wan-
derung weiter nach Terlan, Lana, Rials, dann hinüber nach
dem unvergleichlichen Epxan und nach Raltern, bis im untern
Etschtal mit Trient, Laste! Toblino und dem Tobliner See
das Endziel erreicht wurde. —- Wenigen mögen all diese Bilder
ganz neu gewesen sein; doch gab es auch vielgereiste Landes-
kenner, die von manchen hier aufgedeckten verborgenen Schön-
heiten überrascht waren; aber wohl bei allen Teilnehmern an
dieser flüchtigen Reise wurde die Sehnsucht nach dem schönen
Land von neuem wachgerufen.

Fünfter Abend — den Dezember — Vortrag von Dr. Rar!
Trautmann über „Das München des ;8. Jahr-
hunderts als Gartenstadt". Es gibt zur Zeit keinen
Forscher, der fich so liebevoll und wissenschaftlich so eingehend
mit der Geschichte Münchens, namentlich in künstlerischer und
kultureller pinsicht beschäftigt hätte; man wußte, daß mit
Trautmann ein Renner ungewöhnlicher Art die pörer ein paar
Stunden fesseln werde, und darum füllte den Saal eitle ge-
spannt lauschende Zuhörerschaft. Redner gab zuerst eilten
Überblick über das München vor dem ;8. Jahrhundert, das
hauptsächlich durch seine Bedeutullg als Festnligsstadt charak-
terisiert war; doch war die Stadt weitläufig genug gebaut, um
auch innerhalb der Wälle Raum für pausgärten übrig zu
lassen — daneben aber hatte fast jeder Pausbesitzer noch vor
den Wällen einen Garten (auf alten Stadtpläne» des und
z?. Jahrhunderts sind da auch Popfengärten verzeichnet). Ende
des ;6. Jahrhunderts hatte jedes zweite paus noch einen
Garten; man bedurfte daher auch keiner öffentlichen „Anlagen",

so klein auch die einzelnen Gärten — ausgenommen der pof-
garten — waren. Da der Adel auf seinen Besitzungen im
Lande lebte und nur bei besonderen Anlässen von Zeit zu
Zeit einige Wocheli in München zubrachte, so lag für ihn keine
veranlassulig vor, hier große Gärtel, allzulegen; dies änderte
sich erst im Laufe des ;s. Jahrhunderts, als München aus einer
Bürgerstadt eine Adelsstadt wurde. Da entstand dann an den
Jsarhängen von parlachilig bis Föhring eine ganze Reihe von
Schlössern, die im Lauf der Jahre z. T. malichen Wandel durch-
zumachen hatten. Neuberghausen, einft Besitz der Grafen
Törring, endigte als Raffeehaus, das von peinrich Peine gern
besucht wurde; daran schlossen sich das Schneeweiß-Schlößchen
des Akademiemitgliedes Gsterwald und das Preystngsche Paläst-
chen, das unmittelbar neben der paidhauser Rirche stand (er-
baut (700—l?op; — das Ende der Reihe bildete das Schlöß-
chen parlaching, das von der Legende in völlig unbegründeter
Weise mit Llaude Lorrain in Verbindung gebracht wurde, pan-
delte es sich hier um größere Gartenanlagen der Adeligen, so
hatten dagegen die Ratsherren und Magistratsbeamten ihre Nutz-
und Ziergärten zwischen dem Rarls- und Scndlingcrtor. Um die
Festungsanlagen bekümmerte man sich wenig, und was Rur-
fürst Maximilian I. nach dem Abzug der Schweden an Bastionen
hatte neu anlegen lassen, wurde im Lauf der Jahre immer
mehr von Gärten überwuchert. Pente ist von all der Garten-
herrlichkeit in der Stadt selbst wenig mehr übrig, u. a. der
Garten beim Palais royal (Galeriestraße), der Radspielergarten,
ein Rest des Asamgartens. Durch eine zahllose Menge von Bil-
dern — alte Stiche, Zeichnungen, polzschnitte, Photographien rc.
— wurde es den Zuhörern erleichert, sich von dem garten-
durchwirkten alten München eine richtige Vorstellung zu machen,
und es war begreiflich, daß die Anregung des Vortragenden,
die vielen, am heutigen Abend vereinigten Architekturbilder als
Grundstock eines Münchener Architektur-Museums zusammen-
zuhalten, allseitigen Anklang fand. — Man muß weit zurück-
schauen, um unter den Vereins-Wochenversammlungen einen
Vortrag zu finden, der in gleicher Weise die Anwesenden zu
begeisterter Zustimmung hingerissen hätte, (vgl. Pest z, S. 9;.)

vorläufiges Programm kür die Monate Februar und März.

Die Zusaminenkünfte finden jeden Dienstag (ausgenommen
Feiertage) abends 8 llhr im vereinslokale statt und bieten bald
Vorträge, bald Ausstellungen und Lichtbilder-Vorsührungen,
bald gesellige Unterhaltung. Da unvorhergesehene pindernisse
leicht das Programm umstoßen können, ist auf dessen genaue
Einhaltung nicht mit unbedingter Sicherheit zu rechnen.

9. Februar: Prof. Friedr v. Thiersch: „Die Augustiner-
kirche in München".

;s. Februar: Prof. vr. Doehlemann: „Die Malereien der
Gebrüder Asam".

Für die weiteren Abende sind Vorträge zugesagt von Prof,
vr. Sch ermann (ethnographisches Theina), Or. Schmidt
(BambergerDom), p. E. v. Berlexsch-Valendas (Thema noch
unbestimmt), p. Steinlein (über Buchgewerbe), Or. Weig.
m a n „ (Sion wenban, ein verschollener Münchener Radierer.)

Am Februar findet eine Fastnachtsunterhaltung (paus-
ball) statt, worüber die betreffende Beilage dieses peftes das
Nähere besagt.

Die vereinsbiblioihek ist an Sonn- und Feiertagen von
;o—;2 Uhr, an den Wochentagen von 9—>2 und 3—5 Uhr
geöffnet, außerdem an zwei Abenden von 7—9 Uhr, am Mittwoch
und Freitag.

verantw. Red.: ssrof. £. Gmelin. — Herausgegeben vom Bayer. Aunstgewerbeverein. — Druck und Verlag von R. Gldenbourg, München.
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