Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 59.1908-1909

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Kleine Nachrichten.

so nebensächliche Schmuckstücke wie Zeilenfüller,
Nummerntäfelchen, Zierleisten rc. inmrer neu variiert
sind.

Vor allem der zweite Teil der Probe, der aus-
schließlich Ziermaterial enthält, wird zu solchen Be-
obachtungen Gelegenheit geben. Dieser zweite Teil
trägt vollständig kirchlichen Tharakter. Ein großes,
ganzseitiges Bild mit dem Gekreuzigten, nach Art
der alten Holzschnitte gezeichnet, bildet die Einleitung,
und es folgt eine unerschöpfliche Menge von figür-
lichen Darstellungen, Symbolen der christlichen Kirche,
ganze Zierleisten mit Maria und Johannes, Kruzifixe,
verschiedene Abwandlungen der Vera ieon u. dgl.,
den Schluß bildet der auf dem Löwen reitende Tod.
Dies Motiv ist, ebenso wie das reizende Neujahr-
wunschblatt mit dem Thristkind, dem Formenkreis
der alten Kunst entnommen, und auch sonst drängt
sich unwillkürlich der Bergleich mit jenen fast un-
übertrefflichen Vorbildern, den guten alten Drucken
des f5. und f6. Jahrhunderts, auf. Der starke Wille
des modernen Künstlers muß ohne weiteres zu-
gegeben werden und ebenso die ganz neuartigen
Ergebnisse des rein typographischen Teils, dagegen
wird das Figürliche nicht vollständig befriedigen,
die Stilisierung erscheint nicht selten etwas zu ab-
sichtlich und die Symbolik etwas zu kindlich primitiv,
doch wer möchte nicht aus vollem Perzen dem
Wunsche von Zur Westen beistimmen, mit der
„Liturgisch" eine neue, mustergültige Bibelausgabe
zu veranstalten? Wenn irgendeine moderne Type,
so würde sich zweifellos die „Liturgisch" am besten
für diese große Aufgabe eignen, und es würde dann
vielleicht noch eine besondere Bedeutung erlangen,
was der f Prälat Br. Friedrich Schneider in dem
Vorwort zur „Liturgisch" sagt: „Was so oft und
dringend verlangt worden, man möge dem Volk
eine ihm entsprechende Aunst wiedergeben, ist in
Pupps Werk in hervorragender Weise nach Inhalt
und Form zur Wahrheit geworden: es liegt hier-
ein reicher Born von Volkskunst vor. Keine andere
Nation hat Ähnliches aufzuweisen, und dabei ist es
deutsche Aunst im besten Sinne des Wortes."

Mit diesen Sätzen ist wohl das Wesentlichste
über die Aunst Vtto Pupps gesagt. Wenn „volks-
tümlich" gleichbedeutend ist mit „wurzeln in der alten
Tradition", so ist niemand volkstümlicher wie er.
Aernige, kräftige, deutsche Art, von Sentimentalität
wie von Snobismus gleich fernes Wesen, eine herz-
erfreuende Lebendigkeit und Frische sind die besten
Eigenschaften des Menschen wie des Künstlers Pupp.
Eine nie rastende Arbeitskraft und ein gesunder
Sinn für das „pandwerkliche" in der guten, alten
Bedeutung des Wortes sind die Mittel, durch die er

sich da hinaufschwang, wo er heute steht. Das muß
festgehalten werden: Pupp ist eine Persönlichkeit von
bestimmtem, festumrissenem Charakter, die nicht so
oder anders hätte werden können, sondern die sich
frisch und gerade eben zu dein entwickelte, was nur
sie werden konnte. Daraus ergibt sich auch am besten
seine Stellung zur alten Aunst: Sie bedeutet für ihn
nicht etwas Totes, pistorisches, dem man höchstens
gewisse merkwürdige Reize abgewinnen kann, sondern
er lebt in ihr wie in einem allvertrauten Medium,
und wo er anders fühlt, gibt er das deutlich genug
zu erkennen. Wenn jeder moderne Künstler alte
Tradition und moderne Weife so glücklich zu ver-
binden vermöchte wie Pupp, dürfte es mit unserem
modernen Aunstgewerbe besser stehen, als es der
Fall ist.

Pkeme (Nachrichten.

(Vereine, Museen, Schuten, Äuoslektungen,
Mettkewerke <zc.

um Direktor der Städtischen Gewerbeschule an
der -Luisenstraße in München wurde Architekt
L. Feiler, bisher künstlerischer Leiter der pof-
möbelfabrik von M. Ballin ernannt.

as Atelier für moderne Frauenkleidung von
Maria Vogel-Wommer veranstaltete in der
zweiten Märzhälste eine kleine Ausstellung; was
darin zu sehen war, waren gute, sorgfältig aus-
geführte Arbeiten. Am eigenartigsten war ein
schwarzes Seidenkleid mit blaugrünem Tülleinsatz
und Tüllschleier, der sich leicht um pals und Schulter
schlingt und unten in ein feines schwarz aufschablo-
niertes Muster endigt. Auf diesem Aleid steht der
angebrachte Mondsteinschmuck sehr fein. Besonders zu
erwähnen sind ferner ein paar in Farbe und Ausfüh-
rung gut gelungene Lcinenkleider (grau mit gelb und
grau mit blau); die einfach geometrisch gehaltenen auf-
applizierten Figuren geben ein fröhliches Bild. Sonst
wäre etwa noch ein leichtes grau-lila Tüllkleid auf
gelbem Grund hervorzuheben, das glücklich aus-
gefallen ist und mit seinem weißen Perlenschmuck
sehr gefällig wirkt. Neben den Kleidern war eine
Anzahl von Stickereien und auf Stoff schablonierter
Arbeiten ausgestellt, die recht erfreulich waren. Man
kann Frau Vogel-Wornmer allen denjenigen emp-
fehlen, die sich für Reformkleidung und einfache
weibliche pandarbeiten interessieren. H. B.
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