Belvedere: Kunst und Kultur der Vergangenheit; Zeitschrift für Sammler und Kunstfreunde — 1925

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DEUTSCHE BAROCKZEICHNUNGEN

das glücklichere — oder weniger glückliche -
Amerika ihnen auch noch heute zuzugestehen in
der Lage ist. Durch geschickte Disponierung ist die
Frage nach dem Verhältnis zu dem idyllischen
und dem romantischen Klassiker der italienischen
Landschaft zu einem Faden durch die mannig-
fachen Strömungen des ästhetischen Geschmacks
in England im 18. Jahrhundert gemacht; dadurch
fällt viel Interessantes für die Geschichte des
Sammelwesens, des Dilettantismus, der Garten-
kunst überhaupt ab, für die alle England ja in
dieser Zeit maßgebend geworden ist. Zunächst
wird gezeigt, wie das Interesse an den Werken
der bildenden Kunst, das im 17. Jahrhundert ein
Kind der Laune einzelner vornehmer Herren ge-
wesen war, im Lauf des nächsten zu einem wesent-
lichen Bildungselement und Modeartikel anschwillt
und wie sich dieser ästhetische Trieb mit dem
neu erwachten Interesse an landschaftlicher Schön-
heit verbindet. Claude und Salvator, die der
literarischen Interpretation so viele Handhaben
boten, waren für England die Patrone dieser merk-
würdigen Wechselwirkung zwischen Kunst und
Leben: sie leiteten zu einem landschaftlichen Ideal
an, das durch die Gartenkunst, dieser spezifisch
englischen Muse des 18. Jahrhunderts, ihre prak-
tische greifbare Verwirklichung erfuhr. Der Kult
des Malerischen, wieder ein wichtiger Nährboden
für den sich vorbereitenden Romantizismus, bringt
diese künstlichen Landschaften hervor, von denen
ihm weder mannigfache Anregung und Bestätigung
zurückströmt. Mit ausgebreiteter Belesenheit zeigt
die Verfasserin Anfänge, Spuren und Fortschritt
des neuen Geschmacks in der Dichtung und dem
Roman, wie in zeitgenössiscl en Briefen und topo-
graphischer Literatur. Leider hat sie in übergroßer
Bescheidenheit verzichtet, das von ihr zusammen-
getragene Material zu interpretieren und seine Zu-
sammenhänge zu zeigen; sie begnügt sich, es allen,
die die geistigen Strömungen des 18. Jahrhunderts
studieren, als Fundgrube darzubieten.
H. Tietze

THOMAS MUCHALL-VIEBROOK, DEUTSCHE
BAROCKZEICHNUNGEN
Der Reihe Zeichnungen Band 4. Delphin-Verlag,
München 1925
Der neue Band dieser Serie ist eine wichtige Tat.
In 32 Tafeln und 20 Textbildern wird gezeigt,
wie erstaunlich gut die Deutschen zu einer Zeit
zeichnen konnten, die man stets nur als eine
Periode der Verarmung und Kunstentfremdung
zu betrachten gewohnt ist. In den ersten neun
Blättern einleitend ausgezeichnete Proben der be-
kannten Manieristen. Mit Gabriel und Hermann
Weyer, der gutkomponierten Reiterflucht vonBaur,
ist neben Elsheimers Landschaft der Frühbarock
in ungeahnter Weise charakterisiert. Im dritten
Jahrhundertviertel neben den bekannten Malern,
wie Schönfeld, Roos, Saiter, Storer, Sandrart, auch
wieder manch ungewohnter Name von über-
raschender Persönlichkeit. Gut ist die Auswahl
auch durch die geschickte Verteilung von flüch-
tiger Skizze und ausführlichem Entwurf, von Akt,
Komposition, Landschaft und Porträt. Vielleicht
hätten auch Architektur- und Bildhauerzeich-
nungen kurz Berücksichtigung finden und die für
die Zeit so wichtigen Veduten etwas deutlicher
herangezogen sein können. Schade, daß die Be-
krönung dieser Kunst im Hochbarock um 1700
durch Weinbergers „Rokokozeichnungen“ nicht
recht sinngemäß, bereits vorweggenommen waren
und daher in diesem Bande nicht mehr behandelt
werden konnten! Für Muchall-Viebrooks Buch
aber ergab sich daraus der Vorteil, daß die so
wenig bekannte frühe Zeit eine ebenso klare als
reichillustrierte Uar Stellung finden konnte. Man darf
die weitere Fortsetzung dieser viel versprechenden
Reihe, deren Erscheinen allerdings längst eine For-
derung der sich stets steigernden Beschäftigung
mit dieser Materie war, mit Spannung erwarten.
So ist das Buch eine köstliche Frucht eingehender
wissenschaftlicher Arbeit für das Verständnis der
deutschen Malerei im 17. Jahrhundert.
Franz Juraschek

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