Belvedere: Kunst und Kultur der Vergangenheit; Zeitschrift für Sammler und Kunstfreunde — 1925

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NACHKLÄNGE ZUM WERKE DES VERDUNER MEISTERS
IN DER WIENER KUNST DES 14. JAHRHUNDERTS
VON FRANZ KIESLINGER
V or sechs Jahren wies ich darauf hin, daß die geschmelzte Gruben-Emailtäfel des
Berliner Kunstgewerbe-Museums nicht von Meister Niklas von Verdun sein könne, da
sie ihrem Stile nach in das 14. und nicht in das 12. Jahrhundert gehört und daß ein
sehr nahe verwandtes Stück, vielleicht sogar das Mittelstück desselben Altärchens, noch
heute nachweisbar ist und im Stifte Klosterneuburg verwahrt wird. Die Abgelegenheit
dieser Publikation im Monatsblatt des Vereines für die Geschichte der Stadt Wien hat
es mit sich gebracht, daß ich bis heute weder einen zustimmenden, noch einen ab-
lehnenden Reflex meiner Beobachtung auffinden konnte, so daß es mir nahelag, vor
allem durch die Möglichkeit beizugebender Abbildungen einem weiteren Kreis dieses
Problem zu unterbreiten, zumal ich es heute mit noch mehr Gründen als einst belegen
kann und die daraus gewonnene Erkenntnis, die Rekonstruktion des großen Tafelwerkes
des Verduners, eines der wichtigsten Kunstwerke des Mittelalters in Europa überhaupt,
ermöglicht.
Von den in Frage kommenden Objekten ist das Berliner Täfelchen, in seiner längsten
Ausdehnung 28'50 cm. In der Schatzkammer des Stiftes Klosterneuburg befindet sich
eine weitere Emailtafel, in rundlappigem Dreipaß nach oben geschlossen, die 255 mm
hoch und 164 mm breit ist. Sofern alle übrigen Annahmen zur Zusammengehörig-
keit Anerkennung finden, ist es ohneweiters denkbar, daß die Berliner Platte der
linke Außenflügel eines ähnlichen Altärchens der gleichen Manufaktur, etwa sogar viel-
leicht der der Klosterneuburger Einzelplatte überhaupt ist. Die Klosterneuburger Platte
wurde im Jahre 1847 in Mainz um 500 Gulden von Clemens Wenzel, Freiherr
von Hügel erworben. Er bot sie dem damaligen Prälaten von Klosterneuburg zum
Kaufe an, da er glaubte, daß sie dem Verduner Altarwerke abhanden gekommen sei.
Der Kauf wurde abgelehnt, da die gleiche Darstellung unberührt noch vorhanden war.
Das Stück kam an Camesina, der es geschenkweise dem Kanzleidirektor Florian Taler
überließ, von wo es im Erbgang an das Stift zurückfiel. Die Publikation von Drechsler
aus dem Jahre 1905 nennt diese einzelstehende Verkündigungstafel, sofern sie nicht
eine sehr gelungene Fälschung sei, als aus der Mitte des 15. Jahrhunderts stammend.
Eine sonstige Literatur hierüber ist mir nicht bekannt. Bereits seinerzeit hat Otto v. Falke
eine ganze Gruppe von Kupfer-Schmelzarbeiten auf Wien lokalisiert, die sich alle an
das heute noch vorhandene Ziborium im Stifte Klosterneuburg anknüpfen lassen. Es
ist naheliegend, in der urkundlich verbürgten Restaurierung des Verduner Altares einen
Anlaß zum Wiederaufleben dieser im 14. Jahrhundert sonst bereits außer Übung ge-
kommenen Technik zu suchen. Aus den Abbildungen, die ich beigebe, geht wohl ein-

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