Belvedere: Kunst und Kultur der Vergangenheit; Zeitschrift für Sammler und Kunstfreunde — 1925

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WILHELM VON BODE
Ein Nachwort zu seinem achtzigsten Geburtstag
VON LUDWIG BALDASS

Am 10. Dezember 1925 vollendete Wilhelm von
Bode sein achtzigstes Lebensjahr. Deputation auf
Deputation, offizielle Persönlichkeiten, Museum-
beamte, Gelehrte, Sammler, Kunsthändler, Freun-
de und Verehrer sprachen den ganzen Vormittag
nacheinander in seinem Amtszimmer im Kaiser
Friedrich-Museum vor, um dem großen Manne
•— denn es wäre Torheit, ihn einen Greis zu
nennen — ihre Glückwünsche auszusprechen.
Er begann also den Jubeltag wie jeden anderen,
Besuche empfangend, mit jedem sprechend, jedem
aus dem reichen Born seiner Erfahrung mitteilend,
und es ist anzunehmen, daß er auch den Nach-
mittag, wie jeden anderen seines ungewöhnlich
tätigen Lebens, mit der eigenhändigen Erledigung
seiner Korrespondenz verbracht haben wird. Es
ist einzig dastehend, daß ein Achtzigjähriger in
dem Maße mitten im Getriebe des Lebens, mitten
in seiner Tätigkeit, in der Arbeit an seinem
Lebenswerk steht wie Wilhelm von Bode, aber
Wilhelm von Bode ist in keiner Weise ein Typus,
sondern eine Individualität von ganz eigener
Prägung. Heute ist das Staunenswerteste an ihm
seine Lebenskraft — das Fremdwort Vitalität
klingt zu brutal für seine Geistigkeit — die Lebens-
kraft, die ihm jetzt wie vor fünfzig Jahren alle
Schwierigkeiten im Sturm nehmen und ihm
aus dem Kampfe mit seinen Feinden ein lebens-
verjüngendes Element erwachsen läßt. Aber nicht
minder staunenswert als die Fortdauer seines
Schaffens ist sein Schaffen selbst.
Bode hat in seinem Leben so viel geleistet, daß wir
alle schon ein wenig vergessen haben, was er alles
geleistet hat und es uns zuweilen neu vergegen-
wärtigen müssen. Sein ganzes Lebenswerk erklärt
sich aus seinem unerhört warmen und unerhört
intensiven Verhältnis zu den darstellenden
Künsten. Mit Architektur hat er sich kaum befaßt.
Aber in der Malerei, in der Skulptur und im Kunst-
gewerbe gibt es kein Gebiet, mit dem er sich

nicht als Gelehrter, Museumsmann und Sammler
auseinandergesetzt hätte. Als Gelehrter sah er
seine Aufgabe vor allem in der Sammlung und
Sichtung des Materials. Das Einzelkunstwerk stand
ihm stets im Vordergrund des Interesses. Er ist
aber nie ein bloßer Kenner geblieben, obwohl er
zweifelsohne der größte Kenner aller Zeiten ge-
nannt werden muß. Er ist vielmehr immer der die
Zusammenhänge im Auge bewahrende Historiker
gewesen. Er hat, um nur einiges zu nennen, der
Geschichte der niederländischen Malerei des
17. Jahrhunderts, der Forschung um Rembrandt
und Franz Hals, um Rubens, van Dyck und
Brouwer, neue Wege gewiesen, er hat das erste
Handbuch über deutsche Plastik geschrieben, er
hat die Erforschung der italienischen Renaissance-
skulptur — man denke allein an sein bahnbrechen-
des Werk über Bronzestatuetten —- und der Me-
daillenkunde mehr gefördert als irgend ein Leben-
der, er hat über vorderasiatische Teppiche, über
Majoliken und Renaissancemöbel grundlegende
Werke geschrieben, gar nicht zu denken der
Hunderte von Aufsätzen, in denen er sich mit
allen Zweigen der Kunstgeschichte befaßt hat.
Sein Interesse hat auch vor der lebenden Kunst
nicht Halt gemacht, dafür gibt nicht nur seine
Freundschaft mit dem großen deutschen Im-
pressionisten Max Liebermann Zeugnis, sondern
auch der Umstand, daß er in den Neunziger jähren
unter den ersten war, die für einen der Über-
winder des Impressionismus, für Eduard Munch,
im offenen Kampfe eingetreten sind. Stets aber
stand seine wissenschaftliche Beschäftigung im
Einklang mit seiner musealen Tätigkeit und re-
sultierte aus ihr.
Als Museumsmann ist er ein glänzender Organi-
sator. Wenn wir heute die inzwischen längst über-
füllten, ihrer Entlastung durch die Fertigstellung
des Deutschen Museums harrenden Räume des
Kaiser Friedrich-Museums durchwandern, ver-

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