Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 27.1892

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Heft 5. Illnstvivte Fmnilien-Dvitnng. Zobrg. ML.


Die goldene Gans.

den Verlust seiner Liebe? War sie nicht Schuld daran?
O, über das enge, mißgünstige Herz! Weshalb sollte
er sie denn lieben? Wie kam sie dazu, solches zu ver-
langen? Sein ganzes Vergehen war Sehnsucht nach
Liebesglück gewesen, ihr eigenes heißes Sehnen. Und
sie schlug es ihm ab trotz ihres Reichthums. Ihm,
welcher der einzige Sonnenstrahl ihrer Jugend gewesen,
der sie, wie oft, in seinen Schutz genommen, sie sein
liebes Schwesterchen genannt. Wenn er jetzt elend war,
wenn er an seinem Schmerz zu Grunde ging, wer

trug die Schuld? O, und war es nicht ihr Gatte ge-
wesen, der diese Härte in ihr wachgernsen mit Spott
und Hohn? Würde ihre sanfte, zärtliche Mutter auch
so gehandelt haben aus Eigensucht und
Eine namenlose Sorge nm Rolph's Geschick rang
sich plötzlich in ihr los. Sie mußte gut machen an
ihm nm jeden Preis, was sie ihm versagt. Rolph
sollte noch glücklich werden. Wenn es nur nicht zn
spät war!
Sie fuhr ans ans ihrer gebeugten Stellung. Ihre
blauen Augen, noch thräncnschwcr, strahlten in
sichtlicher Erregung. Ihr seines, liebliches Antlitz
zn dem Gatten erhebend, sagte sie hastig: „Wir
wollen so schnell als möglich nach Berlin zu-
rückfahren."
Er sah sic betroffen an. „Weshalb?"
Eie druckte fest seine Hand. „Mir ist soeben
an diesem thenren Grabe eingefallen, daß ich
etwas gut zn machen habe an Jemand."
Er verstand ihre Gewissensregung sehr Wohl
Nichtsdestoweniger blickte er Garnig fragend und
achselzuckend an.
Dieser wollte sich nut einer Frage an Marie
tuenden, aber Baler rief dringend: „Lassen Sie
doch den Menschen da drinnen aufhören mit
seiner Orgeln. Meine Frau ist bereits ange-
gliffcn genug! — Marie, wann wirst Du mir
gehorchen ? Wenn Dn eine Niese wärest an Kraft
und Gesundheit, Tn könntest nicht trotziger da-
gegen anwüthcn. Tas muß ein Ende haben und
es hat ein Ende. Meine Liebe wird dafür sorgen.
Ich werde Dein Leben fortan in richtige Bahnen
lenken — Zerstreuung und heiterer Genuß ist
es, was Dir fehlt."
Sic verließen den Friedhof. Marie, znrück-
gestoßeu und verletzt von den Schlußworten ihres
Gatten, die ihr ebenso unrichtig als entweihend
an dieser Stätte dankten, wandelte allein den
Wiesenpfad zurück.
„Herr Direktor," begann Vater EarisiuS mit
tiefer .Nümmerniß in Blick und Ton, „der eben
stattgefnndene Vorfall zwingt mir die Frage
früher ab. Ich fordere Ihr Ehrenwort, daß die-
selbe streng unter uns bleibt."
„Mein Wort haben Sie, Herr Earisins."
„Wohl. Eie kannten die Eltern meiner Frau.
Kanuten Sie auch deren Eltern, deren Familie?"
„Im Ganzen wenig."
Baler Earisins legte seine Hand schwer auf
Garuig's Arm und fragte stockend: „Gab es
unter diesen Leuten einen Fall, der auf — Geistes-
verwirrung hätte schließen lassen? Deuten Sie
nach. Sie ahnen nicht, was Ihre Antwort in
sich birgt. Sagen Sie mir die Wahrheit. Ich
bin — ja, jetzt bin ich aus Alles gefaßt," schloß
er hastig.
Garnig war zuerst sprachlos vor Staunen
und Schreck. Dann drückte er seine Rechte gegen
die Stirn und schüttelte das Haupt. Endlich
sah er Mariens Gatten fast sehen in's Ange.
„Nein! So lange meine Erinnerung zurück-
reicht, ist nur kein folcher Fall bekannt. Man
sprach eine Zeitlang von einem frühverstorbenen

Roman von Ocorg Kartivig.

(Fortsetzung.)

(Nachdruck verboten.)


^tz^arie ging jetzt als Letzte langsam hinterdrein.
/ I I Das war der Ort, welchen sie im Geiste so oft
aufgesucht. Jetzt wandelte sie ans dem-
selben Steige, den man einst ihre Eltern herauf-
getragen znr letzten Ruhe.
Sie sah sich um. ,
Kein Baum verstreute hier Schatten. Tie
Kreuze uud Gedenksteine ragten mit ihren In-
schriften so kahl in die glitzernde Luft. Biele
Gräber wohlerhalten, viele halb zerfallen andere
ganz verschwunden, fast alle aber überwuchert von
hohem Gras und blühenden Rosensträuchen. An
der Kirchhofsmauer entlang wuchsen mächtige
Königskerzen. Die schmale Thür znr Kapelle war
halb geöffnet. Ter Kantor ging grüßend vorüber
und trat hinein in den kühlen, schattigen Raum.
Marie blickte auf. Ihre Begleiter standen
still Vor einem ragenden Marmordenkmalc
„Hier ruhen in Liebe vereint
Friedrich Johann Golz
und
Marie Luise Golz
geb. Ventener."
Die junge Frau trat an den epheuum-
sponnenen Doppelhügel. Das Grün leuchtete
ihr freundlich entgegen wie ein Grnß. Zwei
Schmetterlinge wiegten sich spielend auf den glüm
zenden Blätterranken. Da guoll es ihr aber-
mals heiß und heißer aus dem Herzen in s Auge.
Sic sank neben dem Grabe ihrer Mutter in die
Kniee und drückte ihr Antlitz in dessen grüne
Hülle.
Aus der Kapelle drangen Orgeltöne. Es war
Sonnabend, der Kantor spielte ein neues sonn-
tägliches Musikstück durch. Die schwellenden
Töne mischten sich feierlich mit dem tiefen Frie-
den der Natur.
„Gehen wir bei Seite," flüsterte Garnig leise.
Baler Earisins schüttelte das Haupt. „Meine
Fran darf nicht allein sein, jetzt am wenigsten,"
flüsterte er ängstlich. „Ich trage noch an dem,
was heute Nacht geschah. — Herr Direktor, mir
liegt eine Frage schwer ans den Herzen — jetzt
nicht, jetzt nicht, aber später, bevor wir abreisen."
„Ich stehe völlig zu Diensten," sagte Garnig
anf's Aeußerste gespannt.
Mariens Gedanken schweiften zuerst raumlos
und ziellos zwischen dem Einst und Jetzt umher.
Das Leben erschien ihr so öde. Wenn sie einen
Wunsch hätte bestimmt fühlen können, so wäre
es der gewesen, als Dritte unter den Epheu-
M r^bon. Wie thöricht, daß sie damals
Rolph die elende Summe Geldes abgeschlagen.
Rolph! Wo Ivar er? Sie hatte ihn nicht wieder Das Scheffel-Denkmal i» Heidelberg. (S. n>)
gesehen seit ihrem Hochzeitstag. Wie ertrug er NacheittervliologiobhischeiiAufuahuieanLderColleciionEdm.v.KbniginHeidelbllg.
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