Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 27.1892

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Ach Gott! wie leichtsinnig setzt inan in jenem un-
reifen Alter seine ganze Zukunft anf's Spiel. Mau
entschließt sich zu einer Verlobung wie zu einer Land-
parthie für den andern Tag. Ich war Bräutigam,
ich war Ehemann geworden, ich wußte selber kaum, wie.
Dann kam freilich eine Zeit, da uns der Reiz der
Liebe gefangen nahm. Wir waren ja jung genug, um
die Welt zu vergessen in dem ersten Glück des Besitzes.
Innerlich sind wir uns aber doch nie nahe gekommen.
Mein Vater war ein wohlhabender Mann; jedoch meine
frühe Heirath hatte seinen Groll erregt, und er ließ
uns die Mittel nicht eben reichlich zufließen. Ich hatte
bald mit Malen, bald mit Dichten mein Heil versucht
und verdiente so gut Ivie nichts. Marie hatte Besseres

Mädchen nuS dem Bnrk»thnle.
Nach einem Gemälde don F. Proelß. 5L6)

für sich erhofft. Sie ließ bald durchblicken, daß
sie hauptsächlich geheirathet hatte, weil ihr die be-
schränkten Verhältnisse zu Hause unerträglich geworden
waren, und machte mir nun Vvrwürfe. daß sie mir
ihre Karriöre geopfert habe. Auch unser Kind ver-
mochte sic darüber nicht zu trösten. Als der Junge ein
paar Jahre alt war, erklärte ich ihr denn eines Tages:
sie möchte doch zur Bühne gehen, ich hätte nichts da-
gegen, Sie war mir gleichgiltig geworden. Ich glaubte
i nicht das Recht zu besitzen, eine Frau, die ich nicht
liebte, von einem Beruf znrückznhalten, dem sie mit
i Begeisterung znstrebte.
Von nun an wurden unsere Wege immer getrennter,
unsere Herzen immer fremder zn einander.
Es war an einem Frühlingsabend,
als ich seit langer Zeit wieder einmal in's
Theater ging. Ich hatte gehört, daß eine
neue Sängerin anftreten sollte, und es
Ivar mir auch nicht verborgen geblieben,
daß meine Fran alle ihre Anhänger und
Verehrer - sie wurde als Sängerin sehr
bewundert in Bewegung setzte, nm
der Debütantin, die sehr jung und schön
sein sollte, einen schlimmen Empfang zu
bereiten.
Ich hatte mich gar nicht um die Jn-
trigne bekümmert. Im Foyer aber er-
zählte mir ein Bekannter: das Mädchen
sei die Tochter einer sehr unglücklichen
Frau, die ans guter Familie, im Reich-
thum ausgewachsen, sich in einen Tenvr
verliebt und sich mit allen ihren Anver-
wandten überworfen hatte, nm ihn zn hei-
rathen. Zum Tank dafür hatte er sie
eines Tages in ganz schändlicher Weise
verlassen. Sie war zn stolz gewesen, nm
zn klagen, nm von dem treulosen Mann
eme Unterstützung anzunehmen. Sie hatte
mit Unterrichtgeben ihr Leben gefristet und
setzte nun alle Hoffnung auf den Erfolg
der Tochter, so schweren Kampf es ihr
auch gekostet hatte, das Mädchen die Bühne
betreten zn lassen.
Wenn schon diese Mittheilnng mir
warmes Interesse für das junge Geschöpf
erweckt hatte, so steigerte sich mein Wohl-
wollen für die Debütantin zur wahren
Begeisterung, als sie nun in ihrer ganzen
Amnnth, in ihrer rührenden Angst vor
den Lampen erschien. Sie hatte eine sehr
gut geschulte, liebliche Stimme, aber es
fehlte ihr an Bnhnenroutinc. Alle die
Blätzchen nnd koketten Windungen und
Angeuverdrehnngeu, mit welchen es da-
mals noch Styl war, um die Gunst des
Publikums zn werben, waren dem schlich-
ten Neuling unbekannt. Sie sang mit der
Seele, mit viel zn viel Seele für das
Theater für dieses Theater. Blich hatte
die mädchenhafte Erscheinung, hatten diese
reinen Waldvögeleinlieder anf's Tiefste
bewegt. Und nun mußte ich es erleben,
daß, sobald ein Paar Hände sich rührten,

Das Rätbsel der Bergnaeht

Roman
E. Merk.
(Fortsetzung und Schluß.)
(Nachdruck verboten )

arlotta hatte sich an der Seite Andreo
Turrach's niedergelassen nnd sah ihm
in leidenschaftlicher Spannung auf die
Lippen. Sie hätte kein Wort
zn sagen vermocht, so häm-
merte ihr das Herz.
Ueber ihren Häuptern zo-
gen graue Herbstwolken hin, und nm so fin-
sterer, ernster erschienen die schattenbedeckten
Steinstufen der Arena unter ihnen, um sie,
unter dem düsteren Himmel. Nur ab und
zn glitt ein Sonnenstreifen über ihre Ge-
stalten, die so verschwindend klein in der
großen, weiten, einsamen Runde wirkten,
und verzitterte in fenerfarbenem Schein
auf den braunen Granitplatten.
Andreo saß lange, still in sich versunken.
„Es wird mir schwer, zn beginnen," sagte
er dann endlich. „Ich muß weit zurück-
greifen, wenn ich Dir klar zeigen will,
wie die Verwickelung begann, die eine so
tragische Lösung gefunden hat. Ich hatte
mich mit dreiundzwanzig Jahren verhei-
rathet. Tas war das Verhängnis;, an
das sich alles Andere reihte. Wäre ich
frei gewesen, als ich Deine Mutter zum
ersten Male sah! Ach, das ist ja das
Teuflische im Leben, daß es so schön sein
könnte, wenn nicht die Gesetze der Natur
nnd der Gesellschaft, ja zuweilen unsere
eigene Thorheit, uns armen Menschen von
allen Seiten Hemmsteine entgegen schleu-
dern wollten. Ein achtzehnjähriges Mäd-
chen, das sich zur Bühne vorbereitete und
als angehende Primadonna schon einen be-
sonderen Reiz für einen jungen Menschen
besaß, hatte mich gefesselt. Marie war
eine auffallende Erscheinung, talentvoll,
eitel, selbstbewußt und gefallsüchtig. Ich
dachte mir gar nichts dabei, als ich ihr
den Hof machte. Ja, ich darf es wohl
gestehen, es war mir die Annäherung
leicht geworden. Aber Plötzlich fand ihre
Mutter, daß ich nicht blos das Fräu-
lein, sondern auch die Familie kompro-
mittirt hätte, und daß es meine Pflicht
sei, mich mit Marie zn verloben. Es
schmeichelte mir, daß man mich, der zn
Hause noch immer der unbedeutende Junge
war, hier als gefährliche Persönlichkeit, als
Mann gelten lteßj die Dame hatte nicht
umsonst an meine Ritterlichkeit appellirt.
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