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Nusjyetzer. Nach einem Gemälde von Marie Laux. iS 1LI)

sie nur mit Mühe zu erwecken
Ob Jemand nach ihr gefragt
ein reitender Bote oder der
selbst? Nein! Ihre Gedanken

was sie selbst empfand und litt, so befremdend nnd
verletzend, daß sie sich abwandte und von Neuem an
das Herz ihres Baters sank.
„Baker, Bater, wärst Tn einmal gekommen, ein
einziges Mal, wie ich Dich bat, Du hättest mit eigenen
Augen gesehen, wie sie mich behandelten! lind meine
ganze Schuld war meine Jugend, meine Lebenslust,
meine Unerfahrenheit!"
Der Legationsrath, dem die Anklage in den Ohren
gellte, warf einen vorwurfsvollen Blick auf seine Ge-
mahlin.
Diese antwortete mit einem kurzen Auflachcn.
„Nein, wirklich, das hätte ich nicht geglaubt! Für so
unverantwortlich thöricht hätte ich meine Tochter nicht
gehalten! Wenn Du ein häßliches, linkisches Geschöpf

wärest, würde mich dieser Ausgang nicht in Staunen
sehen, aber jung und schön und so völlig machtlos,
das geht über meinen Verstand!"
„lind wenn ich Dir sage, daß man in Schloß
Rittberg meine Schönheit verachtet und die Deine
dazu?" rief die schwer gereizte junge Fran erbittert,
sich von der mahnend ansgestreckten Hand ihres Baters
befreiend. „Wenn ich Dir sage, daß sie mir dort aus
meiner Aehnlichkeit mit Dir den allergrößten Vorwurf
machten, was daun?
„Lucie!" rief der Legationsrath angstvoll, zwischen
Schmerz und Zorn schwankend, während das Antlitz
seiner Gattin sich sichtlich entfärbte.
Jetzt, Ivo ein bitteres Lächeln die Züge der jungen
Frau fast

verzerrte, trat die traurige Veränderung
derselben so grell zu Tage, daß selbst
die eisenfcsten Nerven der Legationsräthin
unangenehm erschüttert wurden.
„Tu sollst Alles wissen, Vater," rief
Lucie, ihre Hände ineinander ringend.
„Nur behalte mich bei Dir, schicke mich
nicht zurück!"
Und mit leiser Stimme zuerst, dann
immer erregter und endlich im leiden-
schaftlichen Affekt ihres überschäumcndcn
Schmerzes entrollte die junge Fran ihrem
Vater das traurige Bild ihrer halb-
jährigen Ehe. Nichts verschwieg sie, weder
die Schmähungen der gräflichen Familie
gegen ihre Mutter, noch die gering-
schützendeu Bemerkungen über die Ver-
hältnisse ihres Elternhauses. Nur als
sie von den kränkenden Aeußerungen des
Grafen über ihren Vater sprach, da
dämpfte sich Luciens Stimme zu einem er-
stickten Schamgeflüster und sie sank dem
vernichteten Manne abbittend an s Herz.
„Ich gehe nicht zurück, ich bleibe
hier!" rief sie, ihn leidenschaftlich um-
schlingend.
Den Lcgativnsrath überrieselte es kalt.
Was würden der Graf und seine Mutter
erst sagen, wenn sie von dem schmäh-
lichen Zusammenbruch seines Hauses hör-
ten, von diesem Schandflecken auf seinem
alten, reinen Namen! O, sie hatten nur
zu Recht gehabt in Allem, was sie seinem
Rinde vorgehalten! Der unglückliche
Mann sühlte es. Seine Schwäche Ivar
verdammlich.
„Du mußt zurück, Lucie," sagte Frau
v. Trefslingcn, obwohl sie die Person
ihres Schwiegersohnes nach dem Gehörten
glühend haßte. Für kurze Minuten hatte
sie die vernichtende Mittheilung ihres Ge-
mahls vergessen können, jetzt trat die-
selbe schreckhafter denn zuvor an sie heran.
Vielleicht daß der Graf trotz der Flucht
seiner Gattin, wenn dieselbe ohne weiteres
Aufsehen zu ihm zurückkehrte, zu be-
wegen war, ein Abkommen mit den Gläu-
bigern zu treffen.
Von dieser Hoffnung erfüllt trat sie

Die goldene Gans.
Roman
Georg Kartwig.
(Fortsetzung.)
(Nachdruck verboten.)
Sturm, welcher in den Kronen der
ume wühlte, umtoste auch die nnbe-
schützte Gestalt der flüchtenden jungen
Fran mit eisiger Gewalt. Und dann kam
ein Moment, wo Luciens Körperkräfte
doch versagten. Es war auf
der Eisenbahnstation, als
sie den Wagen verließ nnd
vor Erstarrung kein Glied zu regen ver-
mochte. Sie mußte die Fürsorge der Re-
staurateursfrau iu Anspruch nehmen uud
verfiel alsbald iu einen fieberhaften, von
Schreckbildern erfüllten Schlaf, aus wel-
chem
war.
habe
Graf
wirbelten unklar durcheinander. Wirre
Vorstellungen von Flucht und Verfol-
gung marterten ihr überreiztes Gehirn,
während die Dampfmaschine unaufhalt-
sam durch das regcngraue Gelände fort-
schnob uud Meile um Meile zwischen sie
und Schloß Rittberg legte. —
Die Legationsräthin, welche schon lange
wie auf Kohlen stand, näherte sich jetzt
energisch ihrer Tochter, ohne auf die
bittende Abwehr ihres Gemahls zu achten.
„Wir wollen nun endlich wissen, was
Dich zu einem so unerhörten Schritt ge-
trieben hat, der unter die Gefetze der
Ehescheidung fällt, llnd ich glaube, wir
haben ein Recht dazu, es zu erfahren."
Bei dem herben Klang dieser Stimme
richtete sich die junge Frau auf. Sie
hatte an ihre Mutter noch keinen Augen-
blick gedacht, seit sie das Elternhaus be-
treten. Jetzt kam ihr die Erinnerung
an Diejenige, welche an ihrem Leid die
Schuld trug, mit so überwältigender
Gewalt zurück, daß sie einen kurzen Mo-
ment nach Athem rang, um ihrer Sprache
wieder mächtig zu werden.
„Du fragst mich darnach?" kam es
gepreßt über ihre Lippen, nnd sie starrte
ihrer Mutter in das schöne zornige Antlitz,
als müsse sie sich deren Züge erst in's
Gedächtniß zurückrufen. „Du? Dienlich
in dieses Eiend hineingetrieben hat ohne
Mitleid, ohne Erbarmen? Die mir nichts
gesagt von dem, was " Sie schauerte
zusammen. Die glänzend geschmückte Ge-
stalt ihrer Mutter erschien ihr bei dem,
 
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